Eine geheimschriftliche Erfindung, bisher unerhört, womit jeder beim Lesen in seiner eigenen Sprache verschiedene, ja, sogar alle Sprachen durch eintägiges Einarbeiten erklären und verstehen kann“. Dies ist der Untertitel einer Schrift des kurfürstlichen Medicus und Mathematicus zu Mainz, Johann Joachim Becher, der damit im Jahre 1661 eine leicht zu handhabende und dabei universelle Methode der Sprachübersetzung einzuführen gedachte.

Der Autor dieses Büchleins, das nach mehr als zweihundert Jahren jetzt wieder verlegt worden ist, war Zeitgenosse von Leibniz und wie dieser ein Universalgelehrter. Er regte den Bau eines Rhein-Donau-Kanals an, beschäftigte sich mit Verbrennungstheorien und Leuchtgasgewinnung, führte dem Kaiser einen Versuch vor, „die durch Temperaturschwankungen bedingte Veränderung mechanischer Bewegungen durch ein Thermometer direkt zu regulieren“; außerdem war er Philologe und, wie sein Titel besagt, Arzt und Mathematiker.

In seiner Schrift „Character, pro notitia linguarum universali“ schlägt Becher vor, die Sprachübersetzung durch Verschlüsselung der Wörter mit Zahlen zu mechanisieren. Der lateinische Text wurde entdeckt, als man Bechers literarischen Nachlaß sichtete. Das kleine Werk wurde dann im Rahmen einer Schriftenreihe der Wirtschaftshochschule Mannheim in deutscher Sprache neu herausgegeben, mit interpretierender Einleitung und Kommentar versehen, und erschien im Kohlhammer-Verlag, Stuttgart.

Bechers Grundgedanke ist einfach. Er geht von einem lateinischen Lexikon aus und versieht dessen alphabetisch geordnete Wörter mit laufenden Nummern. Wörter gleicher Bedeutung im Deutschen, Französischen und anderen Sprachen erhalten nun dieselben Nummern als Kennzahlen. Einen in solchen Zahlen verschlüsselten Text kann dann jeder leicht entziffern, wenn er nur ein nach diesen Nummern geordnetes Verzeichnis seiner Muttersprache besitzt.

Die Zahlenschlüssel werden allerdings noch weiter umgewandelt. Becher ersetzt die Ziffern durch Zählstriche, die nach ihrem dezimalen Stellenwert und ihrer Zugehörigkeit zu Grund- oder Flexionsnummer an verschiedenen Plätzen in ein Linienschema eingetragen werden. Es handelt sich dabei nicht um ein durchgehendes Liniensystem, sondern um eine Figur, die für jedes Wort neu zu zeichnen ist. So sehen die Wortzeichen den Hieroglyphen ähnlich, und diese waren wohl auch seine Vorbilder.

Diese umständliche Form der Zahlendarstellung motiviert Becher damit, daß auch Sprachgebiete zu berücksichtigen seien, in denen unsere arabischen Ziffern nicht gebräuchlich sind. Letzten Endes ging es ihm aber doch wohl darum, einprägsame und universelle Schriftzeichen zu entwickeln, die überhaupt vom gesprochenen Wort weitgehend unabhängig sind.

Seine Zeit nannte solche Begriffssymbole „Charaktere“, und die Diskussion um sie war damals durchaus aktuell, und zwar aus einer philosophischen Fragestellung heraus: „Das Gleiche, was hinter jeder Sprache steckte, galt es zu suchen“, schreibt Professor Waffenschmidt in seiner interpretierenden Einleitung, „ein Instrumentarium zu finden, das dem Einen und Einheitlichen, Ursprünglichen, das Gott entsprach.“ So wurde Becher durch die geistige Strömung seiner Zeit von der pragmatischen Seite seiner Gedankengänge abgelenkt.