In dieser Ausgabe wollen wir, meine verehrten Leser, unsere Gespräche über die Fragen des Rentensparens fortsetzen. Im Verlauf unserer vorangegangenen Unterhaltungen hatten wir festgestellt, daß vom Standpunkt der Sicherheit die Auswahl beim Kauf einzelner Papiere keine Probleme auf wirft. Ich hatte Ihnen ferner gesagt, daß es Sonderbewegungen am Rentenmarkt – wie sie bei den Aktien beinahe täglich stattfinden – nicht gibt. Deshalb finden viele Anleger das Sparen in festverzinslichen Werten langweilig. In der Tat – zum Spekulieren eignen sich Pfandbriefe und Anleihen kaum. Sie sind eine sehr ruhige Anlage.

Auf dem Rentenmarkt gibt es eine verwirrend große Anzahl von Typen. Ihre Zinssätze reichen von 4 bis 8 %, einige sind „steuerfrei“ oder „steuerbegünstigt“, andere „tarifbesteuert“. Wenn wir uns in dieser Gesprächsreihe vorwiegend mit den tarifbesteuerten Papieren unterhalten wollen, dann deshalb, weil für den Normalsparer das Privileg der „Steuerfreiheit“ oder der „Steuerbegünstigung“ ziemlich bedeutungslos ist. Interessant ist es lediglich für die Bezieher hoher Einkommen (mit entsprechender Steuerprogression), sowie für buchführende Unternehmen. Für diese Gruppen ist es wichtig, steuerfreie Einnahmen zu erzielen, die nicht der Einkommensteuerprogression oder der Körperschaftsteuer unterliegen.

Viele Unternehmen bedienen sich dieser Papiere, wenn sie flüssige Mittel anzulegen haben. Das gilt insbesondere für die Banken, die nicht selten in der Lage sind, einen erheblichen Teil ihrer Dividendenzahlungen aus den steuerfreien Erträgnissen ihrer festverzinslichen Papiere zu bestreiten.

Für den Normalsparer ist der Erwerb dieser Titel allein schon deshalb uninteressant, weil sie heute wegen der ständig beträchtlichen Nachfrage über pari, das heißt über 100 % notieren. Fünfprozentige steuerfreie Pfandbriefe notieren beispielsweise zu 117 %. Sie werden eines Tages mit 100% zurückgezahlt. Der Anleger hat hier also einen sicheren Kursverlust vor Augen, den aber die Großsteuerzahler in Kauf nehmen. – In der Ausgabe Nr. 5 vom 1. Februar 1963 hatte ich Ihnen dargelegt, wie sich die Steuerpflicht bei Zinseinnahmen für den Normalsparer auswirkt. Danach braucht er – von wenigen Ausnahmen abgesehen, insbesondere, wenn er nicht zur Einkommensteuer veranlagt wird – beim Rentensparen auf steuerliche Gesichtspunkte kaum Rücksicht zu nehmen.

Der Normalsparer kann sein Augenmerk voll auf das Ziel richten, eine möglichst hohe Verzinsung zu erzielen. Bei der Entscheidung, welches festverzinsliche Papier im Einzelfall die günstigste Rendite bringt, spielt bei vielen Anlegern erfahrungsgemäß der Normalzinssatz die ausschlaggebende Rolle, und zwar zu Unrecht, wie ich Ihnen, meine verehrten Leser, gleich zeigen werde.

Immer wieder erhalte ich Briefe, in denen danach gefragt wird, ob ich den Kauf von achtprozentigen Papieren für ratsam halte. Eine bessere Verzinsung würde doch gegenwärtig nicht geboten. Hier täuscht der Nominalzinssatz! Und dibei kommen wir sofort dem Geheimnis des Rentensparens auf die Spur.

Machen wir es uns zunächst einmal einfach. Die neue sechsprozentige Anleihe der Deutschen Bundesbahn wurde zum Ausgabekurs von 100 % angeboten. Für ein Stück dieser Anleihe über 100,–DM (Nennwert) wird eine Sparleistung von 100,– DM notwendig. Da der Zinssatz auf den Nennwert gezahlt wird, der hier mit der Sparleistung übereinstimmt, sind Rendite und Zinssatz gleich, also beides 6 %.