Th. K. Washington, Ende Februar

Drei Zusicherungen sind es vor allem, die die Amerikaner von den Deutschen hören wollen: Bonn werde weiterhin seine großen Waffenkäufe in Amerika tätigen; Bonn werde die Bundeswehr bis zu einer halben Million Mann verstärken und die Divisionen in ihrem Kampfwert den amerikanischen angleichen; Bonn werde die amerikanische Konzeption einer „multilateralen NATO-Atomstreitmacht“ sofort und tatkräftig unterstützen.

Bundesverteidigungsminitser Kai Uwe von Hassel hatte bei seinem ersten Besuch am Potomac schon dadurch ein gutes Entree, daß er in allen drei Punkten von vornherein die Zustimmung der Bundesregierung mitbrachte. Hassels Plan eines großen deutschen Reservistenheeres für die Territorialverteidigung gefällt den amerikanischen Strategen sehr. Er kommt ihrem Wunsch entgegen, auf alle Arten von Angriffen gerüstet zu sein.

Die Amerikaner erläuterten ihrerseits dem Bundesverteidigungsminister die jüngste Variante ihrer „Atomwaffen-für-Europa-Politik“: Nicht atomgetriebene Polaris-Unterseeboote sollen die multilaterale Abschreckung tragen; billigere und schneller zu bauende Überwasser-Kriegsschiffe könnten Polarisraketen, etwa von der Nordsee aus, nahe genug an verwundbare Zielgebiete heranbringen. Washington zeigte sich zudem auch bereit, eine moderne Mittelstreckenrakete für den Einsatz auf dem europäischen Kontinent an die Bundesrepublik zu verkaufen. Damit würde ein Wunsch erfüllt, den vor allem der Vorgänger Hassels hegte. Eine geeignete Rakete ist aber bisher noch nicht einmal in der technischen Fertigung. Im Mittelstreckenbereich muß sich die militärische Planung infolgedessen für absehbare Zeit auf die erprobte Polaris stützen.

Das Entgegenkommen Washingtons hat freilich eine Kehrseite. Die Regierung Kennedy ist auf dem Kurs von Nassau schnell, aber auch ein wenig schwankend vorangegangen. Es mögen vor allem Bedenken von Seiten des Kongresses gewesen sein, was neuerdings zu einer deutlichen Reserve in der entscheidenden Frage führte. In den Kommandomechanismus für die multilaterale Atomstreitmacht soll ein amerikanisches Veto eingebaut werden.

Man denkt an ein Exekutivkomitee von vier bis fünf Mächten, dessen Beschlüsse über den vorher festzulegenden Mechanismus für den Einsatz von Atomwaffen einstimmig gefaßt werden müssen. Die Bundesrepublik und vielleicht Italien würden zusätzlich zu England und Frankreich und den Vereinigten Staaten diesem atomaren NATO-Kern angehören. Die amerikanische Stimme könnte aber offensichtlich jede Entscheidung blockieren, die der amerikanische Präsident nicht für opportun hält. Es ist nicht bekannt, daß der deutsche Verteidigungsminister einen Gegenvorschlag unterbreitete, und es ist in der Tat nicht anzunehmen, daß irgendein Weg an der amerikanischen Verfügungsgewalt über Atomwaffen vorbeiführen könnte – es sei denn, der Aufbau nationaler Atomstreitkräfte oder einer europäischen Abschreckungsmacht. Die Amerikaner versuchten sehr nachdrücklich, Hassel zu überzeugen, daß diese Aufspaltung der Abschreckung das Herz der westlichen Allianz treffen würde.