Von Paul Arthur Loos

Bedeutende Auguren unserer Zeit, historisch Feinfühlige und „zu Ende“ Denkende sigen schon seit Jahren, daß wir mitten in einen Umbruch der Geschichte stehen – „Umbruch“ auch als jene Katastrophe verstanden, die in alten griechischen Wortsinn Wandel und Neubeginn meint.

Alfred Weber postulierte 1945 den „Abschied von der bisherigen Geschichte“; an weiteren Titeln kennen wir „Die Zukunft hat schon begonnen“ von Robert Jungk, „Fragwürdige Traditionsbestände“ von Hannah Arendt, „Die Antiquiertheit des Menschen“ von Günther Anders, „Das Ende der Neuzeit“ von Romano Guardini „Verlust der Geschichte“ von Alfred Heuss – und so fort, bis hin zur „Zeitmauer“, an der Ernst Jünger als historischer Metaphysiker in faszinierender Weise scheiterte.

Allen diesen Büchern gemeinsam ist ein Gefühl, dem der verstorbene Kulturphilosoph G. E. Lewalter im Jahre 1950 Ausdruck gab, als er fragte, ob wir nicht „am Ende einer großen Etappe der Geschichte und vor dem Beginn einer völlig ‚neuen‘, in ihren Elementen nur erst unbestimmt und vorwiegend negativ erfaßbaren Epoche stehen“.

Nun gibt es auch Historiker, die unsere „neue Epoche“ nicht so unbestimmt und pessimistisch sehen. Indem sie das heute lebensnotwendige Umdenken wagen, stürzen sie nicht in den Abgrund des Geschichtslosen, sondern sehen unsere Periode des radikalen Wandels in Zusammenhang mit dem Gang der Weltgeschichte. „Für den geschichtswissenschaftlichen Betrachter des politischen Zeitgeschehens fallen so wissenschaftliche Erkenntnis und Gewissens entscheidung zusammen. Er kann, er darf sich dieser besonderen Verpflichtung seines Berufes nicht entziehen, es sei denn, daß er seine Berufung bewußt verwirkt.“ So heißt es im Vorwort zu dem Buch des Würzburger Historikers

Ulrich Noack: „Geist und Raum in der Geschichte“ – Einordnung der deutschen Geschichte in den Aufbau der Weltgeschichte; Musterschmidt Verlag, Göttingen; 250 S., 26,80 DM.

Noack geht davon aus, daß sich unsere Welt auf dem Wege zu einem „territorialen Definitivum“ befindet. Das will sagen: im Verlauf der letzten 6000 Jahre sind immer mehr geographische Räume in die „festen Hände“ ausgeprägter Kulturkreise gekommen, und so vollzog sich eine Entwicklung, die historisch-politisch gesehen zur Stabilisierung drängt.