Von Rudolf Fischer

Paris, Ende Februar

Meine Herren, durch Ihren festen Entscheid werden Sie kundtun, daß es in Frankreich keinen Bürgerkrieg geben wird. Frankreich, das wahre Frankreich der Moral, der Freiheit und des Fortschritts, erwartet Ihr legales Urteil; nicht aber jenes zerrissene Frankreich, auf das sich einige Streber, Profitmacher, Hasser oder Verschwörer berufen.“

Oberstaatsanwalt Gerthoffer setzte sich. Zweieinhalb Stunden trockener Eloquenz haben diesem Offizier mit dem asketisch-kahlen Schädel eines buddhistischen Mönchs genügt, das Attentat von Petit Clamart auf General de Gaulle als Revancheversuch von Ehrgeizigen zu brandmarken. Diese Anklagerede konnte nur mit der Beantragung der Todesstrafe schließen, und Gerthoffer fordert sie in sieben Fällen.

Die Attentäter hatten am 22. August 1962 an. der Kreuzung von Petit Clamart den Autokonvoi de Gaulles mit Feuersalven aus MG’s und Maschinenpistolen eingedeckt. Nur durch einen glücklichen Zufall blieb de Gaulle unverletzt. Dem Feuerüberfall von Petit Clamart folgte nun die Schlacht im Gerichtssaal von Vincennes, denn die Verteidigung der neun Angeklagten nutzte das Verfahren unter der routinierten Führung des Salan-Advokaten Tixier-Vignancour zu einem Sturmangriff auf das gaullistische Regime.

Die Prozeßtaktik der Verteidigung folgte dem bewährten Rezept früherer OAS-Verfahren: Sie versuchte den Spieß umzukehren und die Angeklagten zu Anklägern zu machen. Im Grunde forderte die Verteidigung das „Recht auf Tyrannenmord“. Sie verklärte die Tat mit einem nationalrepublikanischen Mythos und häufte Anklage auf Anklage gegen die gaullistische Herrschaft.

Am besten paßt das Bild des Tyrannenmörders auf Jean-Marie Bastien-Thiry, den Kopf der Verschwörung, ein Flugzeugingenieur im Rang eines Oberstleutnants im Armeeministerium, Sproß einer konservativ-katholischen Familie, die mehrere hohe Militärs hervorgebracht hat, ein Mann überdurchschnittlicher Intelligenz.Ein Gerechtigkeitsfanatiker mit Pfadfinderallüren. Vor dem Attentat führte er lange Gespräche mit dem Abbé Isambart und anderen Vertretern der Kirche über das Problem des Tyrannenmords. Er hält ihn für erlaubt und beruft sich dabei auf Thomas von Aquin. Die katholische Kirche nimmt hier allerdings einen anderen Standpunkt ein. Daß Frankreich Algerien verlor – durch die Schuld de Gaulles, wie er glaubt – hat er nie überwinden können. De Gaulle ist für ihn ein Verräter an der Armee, an Frankreich. Und seine mehrstündige Erklärung zu Beginn des Prozesses war denn eine einzige, ätzende Anklagerede gegen den französischen Staatschef.