Wir können es uns nicht mehr leisten, dieMethoden unserer Pädagogik auf philosophischen Spekulationen über das Denken aufzubauen. Wir müssen so schnell wie möglich Klarheit schaffen über das Funktionieren des Gehirns, ehe dieses Organ von dem ständig zunehmenden Nachrichtenbombardement paralysiert wird.“ Diese Bemerkung fiel in einer Diskussion bei dem Kongreß der amerikanischen Hirnforscher, der am vergangenen Wochenende in New York stattfand.

In allen hochzivilisierten Ländern klagen die Pädagogen darüber, daß das Gedächtnis der Jugendlichen in beängstigendem Maße nachgelassen hat. Heutzutage ist schon das Erlernen des Einmaleins ein Problem. Längere Gedichte oder gar ganze Kapitel aus Prosastücken, die unsere Eltern noch auswendig hersagen konnten, vermögen heute nur wenige Kinder in ihrem Gedächtnis zu fixieren.

Der Grund für diese Verringerung der Merkfähigkeit liegt zweifellos in der größeren Informationsflut, der unsere Kinder im Gegensatz zu früheren Generationen ausgesetzt sind. Das Nachrichtenangebot ist durch Funk, Presse, Film und Fernsehen reichhaltiger geworden; wir sind lauteren Geräuschen und kontrastreicheren Bildern ausgesetzt, und das Leben verlangt – zum Beispiel im Straßenverkehr – mehr Umsicht, also die Verarbeitung einer größeren Menge wichtiger Informationsdaten.

Insbesondere aber ist jeder, der etwas mitzuteilen hat, mehr denn je zuvor bestrebt, seine Mitteilung so attraktiv wie möglich zu machen. Wer seine Waren an den Mann bringen will, bedient sich einer primitiven, eindringlichen Sprache, schreiender Farben und vieler anderer Tricks, um die Aufmerksamkeit zu erzwingen; wer berufsmäßig Neuigkeiten verbreitet, versucht sie interessant oder als Sensation zu verpacken, und wer für seine Partei oder seine eigene Person wirbt, möchte von der großen Masse, das heißt auch von ihrem einfältigsten Mitglied, verstanden werden.

Mit immer größerer Perfektion werden Nachrichten, und dazu gehören wissenschaftliche Errungenschaften ebenso wie Schlager, Reklame, politische Theorien oder Reportagen, leicht faßlich gestaltet. Was aber leicht zu fassen ist, das erregt auch die Aufmerksamkeit des Kindes; was für den Begriffsstutzigen unter den Erwachsenen zugeschnitten ist, verfehlt seine Wirkung beim Heranwachsenden nicht.

Im Gegensatz zu den anderen Organen ist das Gehirn des Neugeborenen nahezu undifferenziert und plastisch. Zwar liegt die Zahl der Hirnzellen, die sich nicht teilen und daher auch nicht vermehren können, bereits für das ganze spätere Leben fest. Aber was sich erst bilden muß, sind die Verbindungen zwischen den einzelnen Neuronen, und in welcher Weise die Strukturierung dieses Nervennetzes von den Erfahrungen während der ersten Lebensjahre abhängt, ist noch völlig ungeklärt.

Unser Gehirn ist ein filterndes Organ. Bei einer turbulenten Cocktailparty wird das Stimmengewirr von uns kaum noch registriert. Doch plötzlich fällt unser Name, und dieses Signal, das sich von dem übrigen Lärm objektiv nicht abhebt, erregt augenblicklich unsere Aufmerksamkeit. Eine Mutter wird im Schlaf von den Stadtgeräuschen nicht geweckt, aber wenn ihr Baby im Nebenzimmer weint, ist sie sofort hellwach. Welcher Mechanismus bewirkt diese selektive Funktion des Gehirns?