Bonn, Ende Februar

Nicht nur die Personenfrage bei der Kanzlernachfolge, auch deren Termin bereitet der CDU-Führung Sorgen. Trotz aller Versicherungen prominenter CDU-Politiker, daß der Rücktrittstermin Konrad Adenauers feststehe, daß „an einem Kanzlerwort nicht gerüttelt werden sollte“, daß es also beim Oktober bleibe und „der Fraktionsvorstand keinen Grund habe, an diesem Termin zu zweifeln“, sind sich die Männer an der Parteispitze dieses Zeitpunkts nicht so sicher, wie sie öffentlich vorgeben. Das liegt daran, daß der Kanzler diesen „Termin“ doch recht vage ausgelegt wissen will.

Nun hat zwar die Wahlniederlage in Berlin die CDU in eine Unruhe versetzt, aus der überraschende Impulse hervorgehen könnten – dies besonders dann, wenn die Partei bei den bevorstehenden Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Niedersachsen Schlappen erleiden sollte. Fragt man sich aber, wer dem Bundeskanzler den Willen der Partei und Fraktion – nämlich: Einhaltung der Oktober-Frist – nachdrücklich und unmißverständlich darlegen sollte, stößt man auf keine überzeugenden Namen.

Heinrich Krone? Gewiß hat er ein besonders enges Vertrauensverhältnis zu Adenauer. Aber Krone steht zu seinem Kanzler, ein treu ergebener Erfüllungsgehilfe, der allenfalls behutsam Ratschläge zu geben wagt. Kann man von ihm erwarten, daß er einen Adenauer drängt oder gar zwingt? Heinrich von Brentano vermag die Fraktion geschickt durch die Flut der Routine-Sitzungen zu führen – aber nicht zu einem Kampf gegen den steinharten Adenauer, dem er nicht gewachsen ist. Und Dufhues, in Schwierigkeiten von Parteifreunden umringt, die ihm jeden Hereinfall gönnen, kann bei aller Courage, die er hat, nicht die Vorsicht außer acht lassen, die er braucht. Die Spitzenkandidaten unter den denkbaren Nachfolgern Adenauers, Erhard und Schröder, scheiden bei einem solchen Geschäft wohl ohnehin aus. Bankier Abs soll sich eines besonderen Wohlwollens des Bundeskanzlers erfreuen. Gerade deshalb dürfte er zögern, sich bei einem Unternehmen, das so wenig Aussicht auf Erfolg zeigt, zu weit vorzuwagen.

Wenn also Adenauer den Rücktrittstermin, den er selbst öffentlich nie so genau bestimmt hat, nicht einhalten sollte, gäbe es in der Union wohl niemanden, der ihn dazu zwingen könnte. Man sagt, die Fraktion werde dann rebellieren. Wie? Ohne Anführer? Man spricht auch von der Möglichkeit eines konstruktiven Mißtrauensvotums. Nun, da ist eher noch eine Koalitionskrise vorstellbar, weil die Freien Demokraten auf die Einhaltung der Zusage Adenauers vom Herbst 1961 drängen dürften.

In Erwägung dieser Schwierigkeiten werden in der Union wieder alte Pläne hervorgezogen: Man könnte ja, so meinen ihre Verfechter, die Amtszeit des Bundeskanzlers so verlängern, daß ihr Ende mit dem der Amtsperiode des Bundespräsidenten zusammenfiele. Erhard sollte dann als Bundespräsident in die Villa Hammerschmidt, Schröder als Bundeskanzler in das Palais Schaumburg ziehen. Doch wäre es nicht gut, das höchste Amt im Staate abermals zum Gegenstand solchen politischen Schachers zu machen. Es kann nur abgewertet werden, wenn sich die Vorstellung damit verknüpfte, auf den Posten des Bundespräsidenten würden anderweitig nicht verwendbare Politiker abgeschoben.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma ließe sich finden, wenn Adenauer, der statt nach Ruhe nach weiterer Betätigung verlangt, nicht nur in der Rolle des Parteivorsitzenden der CDU, sondern auch in der eines wichtigen Ratgebers – vielleicht mit dem Recht der Teilnahme an Kabinettsitzungen, ausgestattet mit allen erforderlichen Depeschen und Unterlagen und gestützt auf ein Büro – eine Funktion erhielte, die der Partei und dem Staate von Nutzen sein und ihn selbst befriedigen würde. In der Theorie nimmt sich dies allerdings besser aus als in der Praxis. Adenauer könnte leicht zum heimlichen Zweitkanzler werden. Das aber ist wohl keinem Regierungschef zuzumuten; auch würde die Arbeit des Kabinetts unvermeidlich unter solcher Doppelbesetzung leiden. Da wäre es in der Tat ratsamer, Konrad Adenauer beschränkte sich auf den Parteivorsitz. Schließlich ist auch das ein mächtiges Amt. Robert Strobel