Von Otto F. Beer

Daß Österreich seit nunmehr drei Monaten ohne Regierung ist, weil die beiden großen Koalitionsparteien sich nicht über das Ausmaß einigen können, in dem sie das veränderte Wahlergebnis bei der Verteilung der Ministersessel zu berücksichtigen haben – dieser Schwebezustand macht den Österreichern wenig Kummer. In siebzehnjähriger Proporzerfahrung haben sie gelernt, daß nach dem wienerischen Grundsatz „Wir werd’n kan Richter brauchen“, das Pendel schon wieder irgendwie einschwingen wird.

Viel aufregender finden es die Wiener, daß infolge dieser Schwierigkeiten bei der Regierungsbildung in ihrer Staatsoper nach und nach desolate Zustände ausgebrochen sind. Solange die neue Regierung nicht gebildet ist, kann nämlich kein Österreichischer Unterrichtsminister den leidigen Vertrag mit Karajan und seinem Mitdirektor Schäfer unterschreiben. Und Karajan ist zu einer Art Trotzköpfchen-Strategie übergegangen, bei der die Wiener Oper langsam aber sicher zugrunde gerichtet wird. Als Professor Schäfer, der vor einem halben Jahr aus Stuttgart an den Wiener Opernring berufen wurde, dieser Tage eine Pressekonferenz abhielt, meinte er beschwichtigend, sobald die Staatskrise vorbei sei, werde gewiß auch die Opernkrise bald beseitigt sein. Die österreichischen Presseleute aber meinten, nur ein Ausländer könne auf den Gedanken kommen, das sei bereits eine Staatskrise, wenn man drei Monate ohne Regierung auskommen müsse.

Man erinnert sich jenes lautstarken Konflikts, der vor genau einem Jahr zum Abgang Karajans von Wien und etliche Wochen später zu seiner Rückkehr an den Opernring mit selbstdirigierter „Aida“ samt Triumphmarsch und„Ritorna vincitor!“ geführt hat. Auf jene frühlingshafte Hausse Karajanscher Popularität ist nach und nach eine kräftige Baisse gefolgt. Der österreichische Staat hatte sich damals die Versöhnung des grollenden Maestro einiges kosten lassen. Die Staatsoper war aus dem Apparat der Bundestheaterverwaltung praktisch ausgeklammert worden, hatte ihre eigene Finanzhoheit erhalten, und man hatte gehofft, die (vorerst auf ein Jahr geplante) Bestellung des Stuttgarter Generalintendanten Schäfer zum Mitdirektor würde dem Haus jene solide Planung bringen, die bei der Karajanschen Sprunghaftigkeit dringend nötig erschien. Kurz, man hatte, um den großen Dirigenten Karajan zu halten, den um etliches weniger großen Operndirektor Karajan in Kauf genommen.

Die bisherige Bilanz ergibt allerdings, daß „Schäfer“ keineswegs der Komparativ von „Chef“ ist, daß man die ganze organisatorische Zufälligkeit des Operndirektors Karajan in nie geahnter Blüte erlebt, der Dirigent Karajan hingegen in dieser Spielzeit erst rund zehnmal am Pult gestanden hat. Dort reicht indessen die zweite und dritte Dirigentengarnitur Europas in rascher, wechselnder Folge den Taktstock weiter. Die erste Garnitur macht bereits einen Bogen um Wien, weil hier kaum Gelegenheit zu ausreichendem Probieren geboten wird und weil selbst das klassische Standardrepertoire vom Hause her nicht mehr ausreichend besetzt werden kann.

Das Ensemble zerfällt, wird weder gepflegt noch systematisch ergänzt. Selbst der Opernalltag ist nur mit Gästen zu realisieren, die in aller Eile herbeitelephoniert werden und, unvorbereitet in eine ihnen fremde Vorstellung einspringen müssen. Besonders übel nahm man Karajan, daß er in diesem Winter zwar wochenlang in Wien war, aber – weil etliche periphere Punkte seines künftigen Vertrags noch ungeklärt sind – aus Trotz nicht dirigierte, Wohl aber hat er während dieser Zeit seine „Tannhäuser“-Neuinszenierung in endlosen Lichtproben vollendet. Die Materialkosten beliefen sich dabei auf runde zwei Millionen Schilling (300 000 DM), was etwa dem Jahresbudget des Burg- und Akademietheaters entspricht. Während man aber dort für diesen Betrag an die zwanzig Repertoirestücke erstellt, gab es vom „Tannhäuser“ nur zwei Vorstellungen. Worauf der Maestro in die Lüfte entschwebte und die dritte Vorstellung sich erst im Frühjahr realisieren lassen wird.

Aus einer ähnlichen Trotzhaltung heraus wollte Karajan auch die Verlautbarung des (wohl in erster Linie Schäfer zu dankenden) Spielplans so lange hinausschieben, bis auch seine diffizilsten Vertrags wünsche durchgesetzt wären. Mit Suppenkasparversen kommentierte Herbert Schneiber im Wiener Kurier „Ich zeige meinen Spielplan nicht, nein, meinen Spielplan zeig ich nicht!“ Seit nun aber Karajan nicht mehr allein grollt, sondern in wachsendem Maße auch das enttäuschte Wiener Opernpublikum, hat man sich nunmehr doch zur Veröffentlichung dieses Repertoires entschlossen. Versuche einer Konsolidierung sind darin gewiß zu erkennen. Die Pfeiler werden eine Verdi- und eine Strauß-Woche darstellen – aber das dürfte ja nächste Saison wohl in jedem größeren deutschen Opernhaus so sein. An der Ringstraße zirkuliert inzwischen der Geheimtip, im Falle einer „Panne“ mit Karajan wolle die Unterrichtsverwaltung Schäfer zum alleinigen Direktor machen.