Wenn die USA es allen recht machen wollen

Den Amerikanern wird in letzter Zeit oft vorgeworfen, daß sie auf die Wünsche ihrer Verbündeten keine Rücksicht nähmen, daß sie ihren Partnern rücksichtslos Gewalt antäten. Der Vorwurf ist unbegründet, denn genau das Gegenteil ist der Fall: Sie nehmen viel zu viel Rücksicht. Der Washingtoner Wirrwarr um die NATO-Atomstreitmacht liefert dafür den besten Beweis. Hier haben sich die Vereinigten Staaten in dem Bestreben, den Alliierten gefällig zu sein, auf ein hoffnungsloses Unterfangen eingelassen. Vor lauter Partnerschaftsdenken haben sie sich so ihrer klaren Führungsrolle begeben.

Führung in einem Bündnis, das sich trotz des enormen Machtgefälles zwischen seinen Mitgliedern auf Partnerschaft gründet, setzt bei der Führungsmacht zweierlei voraus: Takt in der Ausübung des Primats und Konsequenz des Denkens wie des Handelns. Vorherrschaft ohne Manieren verärgert; Vorherrschaft ohne Konsequenz zersetzt. Weswegen denn auch der Mangel an Geradlinigkeit mehr Unheil birgt als der Mangel an Umgangsformen. An Geradlinigkeit aber haben es die Amerikaner in letzter Zeit schmerzlich fehlen lassen. Die Wendungen und Windungen des Pentagons in Sachen NATO-Atommacht nützen jedenfalls nur den Gaullisten.

Die Logik der Waffen

Wohlgemerkt, nicht jene Wandlungen der strategischen Doktrin während des vergangenen Jahrzehnts sind damit gemeint, die hierzulande allzuoft belächelt oder bekämpft wurden, weil kaum einer den normativen Zwang des Faktischen – in diesem Falle des waffentechnischen Fortschritts – zu würdigen wußte. Massive Abschreckung noch 1954, auf taktische Atomwaffen begrenzter Krieg 1957, neue Betonung der konventionellen Verteidigung 1961 – dies waren die Phasen, in denen sich Amerikas militärisches Denken entwickelte. In jeder dieser Phasen hatten die Amerikaner in der Sache recht. Selbst McNamaras anfechtbare Theorie vom begrenzten strategischen Atomkrieg, die Counterforce-Strategie der "gezügelten Erwiderung", mit der er die Partner der USA im vergangenen Jahr in Ann Arbor überraschte, hatte zum Teil doch wenigstens die finstere Logik der Elektronengehirne für sich.

Zwei Jahre lang hatten sich Amerikaner mit guten Gründen gegen das europäische Drängen an den Atomdrücker gewehrt. Nicht operative Kontrolle über die Atomwaffen wollten sie den Bündnispartnern einräumen, aber mehr und mehr politische Kontrolle: Mitsprache bei der Zielprogrammierung und der Einsatzplanung. Das war die Athener Formel vom Mai 1962 – eine gute Formel, weil sie das Interesse der Verbündeten, an der Festlegung der NATO-Strategie mitwissend und mitwirkend beteiligt zu sein, zu berücksichtigen versprach, ohne dem Interesse der Amerikaner an der Konzentration der Einsatzbefugnis auf eine Macht Abtrag zu tun.

In der Athener Formel spiegelte sich die technische Vernunft des thermonuklearen Zeitalters, nicht nationalistische Monopolsucht: In die Planungsbefugnis können sich alle teilen, die Einsatzbefugnis muß bei einem Manne liegen. Wo aber wäre diese letzte Entscheidungskompetenz besser verwahrt als bei dem amerikanischen Präsidenten, solange er als Vertrauensmann der ganzen Allianz zu handeln vermag?