Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten. Die Karikatur, ein legitimes Kunstmittel, ist das äußerste, was er vermag. Erich Kästner

Warten auf Nr. 1000

Lautstark hatte der Münchner Wilhelm Goldmann Verlag dem verbreitenden Buchhandel und dem lesenden Publikum seinen 1000. Taschenbuchband angekündigt. Im Januar dieses Jahres, so hörte man, werde das Lieblings- und Wunderkind des Verlegers, ein Lexikon aller Goldmann-Taschenbücher, das Licht der Welt erblicken. In München wurde, zur gebührenden Feier des Ereignisses, die Presse zusammengetrommelt. Sie kam, – und hielt vergebens Ausschau nach dem Anlaß ihres Kommens. Vor April frühestens dürfte mit Band 1000 nicht zu rechnen sein. Moral: ein kluger Wirt lädt die Gäste erst, wenn das Essen auf dem Tische steht.

Antonioni in bunt

Michelangelo Antönionis neuer Film „Die rote Wüste“, der zur Zeit in Ravenna gedreht wird, ist der erste Farbfilm des Italieners. Sonst bleibt alles beim alten: Der Mensch ist einsam und wird von seinen Mitmenschen nicht verstanden.

Zu wenig sozialistische Musik

Der Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR kritisierte zahlreiche Orchester im eigenen Lande, weil sie zu wenig „sozialistische Musik“ in ihre Programme aufgenommen haben. So wurden zum Beispiel die Dresdner Symphoniker getadelt. In 35 Konzerten, heißt es, wollten sie nur vier Werke mitteldeutscher Komponisten aufführen. Die Dresdner Staatskapelle habe nur „drei Komponisten aus der DDR, aber sieben aus dem kapitalistischen Ausland“ berücksichtigt. Dieser Spielplan sei bedenklich. Gewiß: ein Spielplan mit DDR-Komponisten wäre durch und durch unbedenklich – weil das Konzert nämlich nicht stattfinden könnte.