Von Johannes Jacobi

Während der gleichen Woche traten zwei neue deutsche Bühnenautoren ins Rampenlicht: in Berlin, Theater am Kurfürstendamm, Rolf Hochhuth, 32 Jahre alt – in Darmstadt Dieter Wellershoff, 38 Jahre alt.

Hochhuths erste dramatische Arbeit überhaupt: „Der Stellvertreter“ handelt von der deutschen Judenausrottung und gruppiert fünf Akte um eine Szene mit Papst Pius XII.

Wellershoff hatte schon mehrere Hörspiele geschrieben, bevor ihn seine erdichteten Figuren auf die Bühne verwiesen. „Anni Nabels Boxschau“ lautet der Titel eines „Schauspiels“, in dem es weder eine Schau noch ein Spiel zu sehen gibt, in dem geboxt würde.

Thematik und Methode beider Autoren bezeichnen – zwei Extreme, von denen her heute Theater gemacht wird. Rolf Hochhuth gründet sein Schauspiel, das bei der Uraufführung als „Christliches Trauerspiel“ etikettiert worden war, auf politische Ereignisse, deren Folgen noch gegenwärtig sind. Die nächste Generation setzt sich mit den Sünden der Väter auseinander. Es wird Stellung bezogen, Anklage erhoben; aber auch der gute Wille, wo er wirksam war, wird sichtbar gemacht.

Es sind wohl nur die Alten, die – noch einmal davongekommen – heute abwehrend die Hände erheben: Laßt doch endlich ab von dem Entsetzlichen, reißt nicht immer wieder vernarbte Wunden auf!

Aus ganz anderer Richtung näherte sich Dieter Wellershoff dem Theater. Er hat das Gesamtwerk von Gottfried Benn herausgegeben und kommentiert („Gottfried Benn, Phänotyp dieser Stunde“). Seine Analyse des Nihilismus ist ebenfalls eine kritische Auseinandersetzung mit den geistigen Grundlagen der Vätergeneration. Aber sein dramatischer Versuch ist esoterische Literatur. Seine Bühne ist ein Zaubergarten wandelnder Metaphern. Poetisch? Oder nur inkarnierte Abstraktion?