Von In&eborf? Gampert

Arbeiter schickten sich an, das mit Sackleinwand verhängte Baugerüst abzutragen, das einige Wochen lang eine Außenwand des Krematoriums verdeckt hatte. Während Streben und Bretter fielen, versammelten sich zufällige Passanten und blickten mißbilligend und verständnislos auf die halbe Höhe der Hauswand. Zu sehen gab es eine Reliefskulptur, die in den folgenden Wochen Gegenstand Hunderter von Leserzuschriften an die Zeitungen der Hauptstadt und schließlich zur Zielscheibe von Steinwürfen nächtlicher Bilderstürmer werden sollte.

Es war an einem der letzten Oktobertage des Jahres 1961 in Moskau. Der Schöpfer des Reliefs, das die Gemüter solchermaßen erhitzte, war Ernst Neiswestnij, der Mann, den Jewgenij Jewtuschenko bei seinem Besuch in London den „zweitgrößten Bildhäuer der Welt nach Henry Moore“ nannte und dem der englische „Observer“ eine „ungewöhnlich kraftvolle, direkte und geistvolle Stimme“ attestierte.

Für den Betrachter aus dem Westen hielt sich die Skulptur durchaus in den Grenzen des Herkömmlichen. Sie hatte auch die Billigung des Berufsverbandes der bildenden Künstler und des Moskauer Stadtsowjets gefunden, der nach langem Hin und Her dem konventionellsten von drei Modellentwürfen den Vorzug gegeben hatte.

Das Relief symbolisiert Tod und Wiedergeburt auf eine höchst simple Weise. Dem Leib eines Toten entspringt der Baum des Lebens. In seinem Schatten stehen Vater und Mutter. Sie haben die Mitte der Jahre überschritten, ihre Gesichter sind von der Zeit gezeichnet. Beide Gestalten sind der Erde verhaftet, der alles Leben entspringt und die alles Leben wieder zu sich nimmt.

Ungeachtet dieses braven Sujets hatten die Moskauer Stadtväter bald Grund, über ihre eigene Courage erschrocken zu sein. Die Orthodoxen der kommunistischen Partei und der religiösen Gemeinden waren sich sonderbar einig. Sie kamen zuhauf und nahmen Anstoß und forderten stürmisch, daß der künstlerische Frevel am neuen Krematorium neben dem altehrwürdigen Donskoi-Kloster wieder rückgängig gemacht werde. Sie schlichen sich nachts herbei, um den Fehler selber zu korrigieren, da die Obrigkeit nichts unternahm.

Ernst Neiswestnij lachte über den Eifer seiner Kritiker. Er hatte selber nicht weniger Einwände gegen diese Arbeit, wenn auch andere.