Als er im Wahlkampf um das Präsidentenamt rang, hat John F. Kennedy gefordert, alle Amerikaner sollten nicht nur die gleichen Pflichten, sondern auch die gleichen Rechte haben. Und mit scharfen Worten hat er Eisenhower damals den Vorwurf gemacht, er habe nicht alle Regierungsvollmachten ausgenutzt, um die Lage der Neger zu verbessern.

Als er dann ins Weiße Haus eingezogen war, gab sich der junge Präsident in der Rassenfrage freilich nicht mehr ganz so ungestüm wie in der „Campaign“. Die klare Stellungnahme und die harte Aktion gegen die widerspenstigen Südstaaten überließ er vorwiegend dem jüngeren Bruder, seinem Statthalter im Justizministerium. Wobei indes zu erwähnen ist, daß „Bobby“ Kennedy, als er mit festem Zugriff die Immatrikulation des Negers Meredith an der Universität von Mississippi durchsetzte, die volle Rückendeckung seines „großen“ Bruders fand.

Nun aber ist auch der Präsident selber aus der Reserve getreten. Zum ersten Male in seiner zweijährigen Amtszeit hat er eine Botschaft an den Kongreß gerichtet, die sich ausschließlich mit der Frage der Bürgerrechte befaßt. Dabei geht es vor allem darum, daß dem farbigen Zehntel der Amerikaner nicht nur durch gelegentliche spektakuläre Maßnahmen der Bundesexekutive in Ausnahmefällen, sondern auch durch eine breitere legislative Sicherung zu seinem in der Verfassung verbürgten Recht verholfen wird.

Seit langem ist deutlich, daß den amerikanischen Negern nur zu helfen ist, wenn sie sich selber helfen. Sie können sich aber nur selber helfen, wenn sie in den Stand gesetzt werden, ihr politisches Gewicht durch die Stimmabgabe zur Geltung zu bringen. Und genau darauf zielt die Initiative des Präsidenten: Der Kongreß möge das Wahlrecht der Neger, das in den Bürgerrechtsgesetzen von 1957 und 1960 umrissen wurde, bekräftigen und noch näher bestimmen. Außerdem sollen alle Klagen, die bei Bundesgerichten wegen einer Beeinträchtigung des Neger-Wahlrechts anhängig sind, gegenüber anderen Klagen bevorzugt verhandelt werden.

Kennedy ist ein mutiger Mann, aber er ist auch ein Präsident, der die nächste Wahl wieder gewinnen will. So ist denn seine jüngste Botschaft an den Kongreß nicht allein als ein ehrenwertes persönliches Bekenntnis zu bewerten, sondern auch als ein Anzeichen dafür, daß der Mann im Weißen Haus es heute wagen kann, auf die vorgestrigen Südstaatler keine Rücksicht mehr zu nehmen – sofern er nur den Zuspruch der liberalen Kräfte im Lande gewinnt.

Ein Jahrhundert nach der Sklavenbefreiung von Abraham Lincoln scheint nun auch für die handfeste amerikanische Parteipolitik jenes Wort von Victor Hugo Geltung zu gewinnen, das die Führer der Negerorganisation schon seit langem auf ihre Standarten geschrieben haben; „Nichts in der Welt ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ H. G.