Von Wolfgang Leonhard

Verehrte Hörer, wenn Sie die deutsche Übersetzung dieses Leitartikels haben möchten, bitte schreiben Sie uns. Wir werden Ihnen ein Exemplar schicken.“ So schließt der chinesische Rundfunk in den letzten Tagen seine deutschsprachigen Sendungen. Sie sind hauptsächlich einem Thema gewidmet: dem scharfen antisowjetischen Artikel aus der Pekinger „Roten Fahne“, den Chinas Presse und Rundfunk der Öffentlichkeit in Fortsetzungen darbietet.

Mit diesem Artikel ist die seit langem schwelende Auseinandersetzung zwischen Peking und Moskau in ein neues und entscheidendes Stadium gerückt. Er ist länger, schärfer, unerbittlicher als alles, was bisher in Maos Metropole veröffentlicht worden ist – eine Generalabrechnung mit der sowjetischen Politik der letzten Jahre und eine ausführliche Darstellung der Pekinger Auffassung zu allen wichtigen Fragen.

Die chinesische Gegenoffensive ist ein deutliches Zeichen dafür, daß die in der zweiten Februarhälfte unternommenen Versöhnungsversuche gescheitert sind. Vor allem die kommunistische Partei Nordvietnams, die seit langem eine neutrale Stellung zwischen Moskau und Peking einnimmt, war dabei um eine Vermittlung zwischen den Kontrahenten bemüht. Sorgfältig abgewogen hatte eine vietnamesische Parteierklärung am 12. Februar die Sowjetunion wie China mit Lob bedacht. Die sowjetische KP sei die „Vorhut der internationalen kommunistischen Bewegung“, hieß es darin, aber die „große Kommunistische Partei Chinas“ führe „jetzt das chinesische 650 Millionen Volk zum Sozialismus“. Hanoi schlug den beiden streitenden Giganten vor, gegenseitige Kritik in der Öffentlichkeit einzustellen und so günstige Bedingungen für die Einberufung einer kommunistischen Weltkonferenz zu schaffen. Diese solle die Meinungsverschiedenheiten beilegen.

Auf die Gretchenfrage freilich, wann diese kommunistische Weltkonferenz stattfinden sollte, gaben die vietnamesischen Kommunisten nur die sibyllinische Antwort, sie müsse einerseits, „sorgfältig vorbereitet werden“ (Moskaus Standpunkt), andererseits aber sollten „die Vorbereitungen schnell durchgeführt werden, damit die Beratung möglichst bald einberufen werden kann“ (Pekings Standpunkt).

Dieser vorsichtig formulierte Vorschlag zur Güte erfolgte zu einem Zeitpunkt, als in Moskau und Peking abermals versucht wurde, den sowjetisch-chinesischen Konflikt – wenigstens vor der Öffentlichkeit – zu begrenzen. Bei einem diplomatischen Empfang begrüßte Chruschtschow demonstrativ den chinesischen Botschafter, legte die Arme um dessen Schultern und sprach, an ausländische Korrespondenten gewandt, von der „Brüderlichkeit und Freundschaft“ zwischen der Sowjetunion und China. Wenige Tage danach begannen die chinesischen Zeitungen überraschend, sowjetische Stellungnahmen zu veröffentlichen, in denen Pekings Standpunkt kritisiert worden war – darunter auch die Rede, die Chruschtschow am 12. Dezember vor dem Obersten Sowjet gehalten hatte.

Am 23. Februar kam es dann in Moskau zu einer Besprechung zwischen dem sowjetischen Außenminister Gromyko und dem chinesischen Botschafter Pan Tsu-li, an der auch die stellvertretenden sowjetischen Außenminister Sorin und Puschkin teilnahmen. Am gleichen Tag empfing in Peking Mao Tse-tung den sowjetischen Botschafter Tscherwonenko der Mitglied des sowjetischen Zentralkomitees ist. Bei dieser Unterredung waren auch der chinesische Staatspräsident Liu Schao-tschi und Ministerpräsident Tschu En-lai zugegen, außerdem Wu Hsiu-tschuan – jener chinesische ZK-Funktionär und internationale Beauftragte Pekings, der bei den osteuropäischen Parteikongressen Ende vorigen Jahres die chinesische Linie verteidigt hatte und auf dem SED-Kongreß im Januar 1963 durch. Tumulte und Johlen in seiner Rede unterbrochen worden war. Beide Treffen wurden in den Ostblockzeitungen besonders hervorgehoben, das Gespräch bei Mao sogar als „herzlich“ bezeichnet.