AdF. Rom, im März

Chruschtschows Schwiegersohn Alexej Adschubej, Chefredakteur der Iswestia und Handlungsreisender in hoher Kremlpolitik, der mit seiner Frau vor zehn Tagen in Rom auftauchte, ist inzwischen nach Neapel und, wie es heißt, Florenz, Venedig und Mailand weitergefahren.

In Rom hatte sich der große, verbindlich lächelnde und weltmännisch auftretende Adschubei den Journalisten auf einer Pressekonferenz gestellt, die von einer kommunistischen Organisation, der Italienisch-Sowjetischen Gesellschaft, Italien-UdSSR, veranstaltet wurde. Dabei standen im Mittelpunkt die Fragen nach dem Verhältnis zwischen Kreml und Vatikan. Ob er selber im Vatikan vorsprechen werde, wollte ma“ wissen, und ob Chruschtschow, käme der zu einem Staatsbesuch nach Rom, auch den Papst besuchen werde. Antwort: Er selber würde sich ebenso sehr freuen, den Papst kennenzulernen wie vor kurzem den Präsidenten Kennedy. Was seinen Schwiegervater angehe, so sei dieser von Italien bisher nicht eingeladen worden. „Wir pflegen nicht zu kommen, wenn wir nicht eingeladen sind.“ Dann aber fügte Adschubej hinzu: „Der Papst beißt nicht – und wir beißen auch nicht.“

Am Montag war Adschubej in Neapel. Dort leugnete er, um eine Audienz beim Papst nachgesucht zu haben. „Ihr irrt euch“, so sagte er seinen Zuhörern in einer Pressekonferenz, „wenn ihr an eine Annäherung der Sowjetunion an die katholische Kirche glaubt. Chruschtschow hat sich an den Papst gewandt in dessen Eigenschaft als Souverän des Vatikanstaates und als Befürworter des Weltfriedens. Aber der Kommunismus und die Kirche haben unvereinbare ideologische Konzeptionen.“ Ein römisches Blatt berichtet dagegen, daß Adschubej über den kubanischen Botschafter doch um einen privaten Empfang beim Papst gebeten habe und daß man im Vatikan überlege, ob man ihn nicht gemeinsam mit anderen Personen zu einer öffentlichen Audienz zulassen könne.

Spekulationen also, viele Spekulationen. So hatte man sogar schon von der bevorstehenden Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Moskau und dem Vatikan gesprochen. Noch aber bleibt es rätselhaft, weswegen Adschubej mit seiner Frau gerade jetzt in das noch recht winterliche Italien gereist ist. Nur eine touristische Laune?