J. M.-M., Paris, Anfang März

Rosenmontag, nach Mitternacht. Europa-Brücke zwischen Kehl und Straßburg. Zwei schwarze Limousinen fahren über jene dritte Fahrbahn der Brücke, die dem Verkehr der europäischen Behörden vorbehalten ist und keiner Grenzkontrolle unterliegt. Die beiden Wagen tragen das Kennzeichen der französischen Streitkräfte und passieren ohne Kontrolle. Befand sich Oberst Antoine Argoud, der militärische Chef der OAS, in einem dieser Wagen? Ist er so über die Grenze transportiert worden?

Noch weiß niemand genau, wie sich die Entführung des Obersten wirklich abgespielt hat. Eigentlich hätte alles ja ganz anders laufen sollen – das raunen sich jedenfalls die OAS-Leute in Paris bei ihren Treffs zu. So nämlich, daß Argoud viel simpler, per Schlafwagen mit dem Nachtzug Salzburg–Paris, nach Frankreich hätte transportiert werden sollen: ohnmächtigbeide Beine in Gips, offenkundiges Opfer eines Skiunfalls bei Garmisch. Haben die ’Entführer etwa den Zug verpaßt?

Feststeht, daß der untergetauchte Obrist, der 1961 wegen seiner Teilnahme am Barrikaden-Putsch gegen de Gaulle in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, an jenem Montag kurz vor Mitternacht aus dem Münchner Hotel Eden-Wolff entführt worden ist. Zwei Männer mit Tirolerhüten stellten ihn vor dem Eingang zum Fahrstuhl, verlangten seine Papiere, führten ihn auf die Straße und verschwanden mit ihm in einem Auto. Und feststeht auch, daß die Pariser Kriminalpolizei am Quai des Orfèvres am Dienstagnachmittag einen anonymen Anruf aus dem Café Esmeralda erhielt: Bei der Kathedrale von Notre Dame, in einem blauen Lieferwagen, sehe ein säuberlich verschnürtes Paket der Aufmerksamkeit der Polizei entgegen. Als Inhalt des Paketes entpuppte sich Argoud. Und er sah aus, als sei er vor seiner Fesselung zwischen geübte Fäuste geraten.

Bei dem Aufsehen, das die Entführung des Ex-Obersten Antoine Argoud auf der Weltbühne erregt hat, geschah es, daß die persönliche Erscheinung dieses Mannes quasi in die Nebenkulisse geriet. Daß er verheiratet ist und zwei Töchter hat, sagt nichts über ihn aus. Daß er „Polytechniker“ ist, schon etwas mehr. Auch der Mann, der das fehlgegangene Attentat gegen de Gaulle im Pariser Vorort Petit-Clamart organisierte und soeben zum Tode verurteilt wurde, der Oberst Jean-Marie Bastien-Tairy, ist ja Polytechniker gewesen: „Marschierer“ auf dem zweiten, dem für intellektuelle Naturen vorbereiteten Wege zum höheren oder hohen Offizier.

Die Ecole Polytechnique ist eine Schule, in der die künftigen Generalstäbler geformt werden, aber auch ein Institut, das einem jungen Manne, der es vorzieht, lieber im Zivilleben vorwärts zu kommen, eine ausgezeichnete Vorschulung gibt. Die einstigen preußischen Kadettenanstalten waren offensichtlich Knüppelanstalten dagegen. Elite also. So war auch Argoud ein Elite-Leutnant, als er in der Armee de Gaulles um Straßburg kämpfte. Ein politisch völlig unbeschriebener, ein sehr tapferer junger Offizier, Probleme waren nicht vorhanden. Der Kampf gegen Deutschland war für ihn eine nationale Sache. Nichts Weltanschauliches spielte da hinein. Man tötete, man machte Gefangene, aber man quälte sie nicht, um Geständnisse zu erpressen. Gleichgültig, was Hitler dachte, gleichgültig, wer er war, ob ein Verbrecher oder ein Symbol der Deutschen, er mußte geschlagen werden. Das war alles.

Argoud war damals zu jung, als daß er das Schicksal und die Problematik des Widerstandskämpfers gegen Hitler hätte begreifen können. Er stand abseits der Politik. Er war am Sieg über Deutschland beteiligt, als einer der Tapfersten. Und seine unproblematische Tapferkeit fügte sich zu seiner Ausbildung des Polytechnikers hinzu. Er kam zur Militärakademie und schloß sie mit glänzenden Examina ab.