Von Wolfgang Venohr

Mittwochmittag. Friedrichstraße in Ostberlin. Hastende Menschen, Kommen und Gehen. Plötzlich von fern her Musik. Schmetternde Takte. Die asthmatischen Omnibusse der Ost-BVG drücken sich zur Seite. Die Passanten verhalten den Schritt. Einer sagt: „Die Wache zieht auf...“

Vorneweg marschiert der Spielmannszug mit dem baumlangen Tambourmajor, dann das Musikkorps. Der Obermusikmeister ist dick und schwitzt unter dem Stahlhelm, wie eh und je. Und wie einst spielen sie Möllendorfs preußischen Parademarsch Nr. 1. Dann kommt die schwarz-rot-goldene Fahne mit dem Staatsemblem der DDR in der Mitte, flankiert von zwei Leutnants. Dahinter die Wachkompanie mit angezogenen Kolben und aufgepflanzten Bajonetten.

Keiner der Soldaten mißt unter 1,80 Meter. Alle sind jung und schlank wie beim 1. Garderegiment zu Fuß oder wie bei der Leibstandarte. Die Augen blicken nicht links und nicht rechts, die durchgedrückten Finger der rechten Hand schwingen akkurat bis vor die Mitte des Koppelschlosses. So schwenken sie Unter den Linden ein, nur wenige hundert Meter von der Mauer am Brandenburger Tor entfernt. Ein westdeutscher Besucher staunt: „Donnerwetter, wie zu Kaisers Zeiten!“

Jeden Mittwochmittag ist Große Wachablösung in Ostberlin. Vor dem renovierten Reichsehrenmal Unter den Linden stehen wieder zwei Posten in feldgrauer Uniform, mit tadelloser Gewehrlage, die rechte Hand an die Hosennaht gepreßt, den Blick starr geradeaus gerichtet – Auge in Auge mit den preußischen Freiheitshelden von 1813, Blücher, Scharnhorst und Gneisenau, deren Standbilder gegenüber dem Ehrenmal wiederaufgestellt worden sind.

Dieses Schauspiel sehen allwöchentlich junge Menschen aus Ostberlin, aus Sachsen, Thüringen, aus Mecklenburg und der Mark Brandenburg. Sie sind achtzehn oder zwanzig Jahre alt. Die meisten tragen Zivil, ein paar die blauen Hemden der FDJ. Sie wissen: Eines Tages werden sie sich auf Grund des Wehrpflichtgesetzes der DDR vom 24. Januar 1962 bei der NVA, der „Nationalen Volksarmee“ Walter Ulbrichts, zur Musterung stellen müssen. Die meisten von ihnen werden dann Soldaten in dieser Armee werden. Was für Soldaten in was für einer Armee?

Im Frühjahr 1962 sind die ersten Wehrpflichtigen zur Nationalen Volksarmee eingerückt, für anderthalb Jahre. Die Ostpresse schilderte das so: