Was mir in 75 Lebensjahren, auf fünfzehn Posten, unter vier Regierungen, in vier Erdteilen und zwei Weltkriegen, vor allem aber danach begegnet ist, würde mühelos Bände- füllen.“ So schreibt der ehemalige Botschafter Werner Otto von Hentig im Nachwort zu seinen Memoiren. („Mein Leben eine Dienstreise“, erschienen bei Vandenhoeck & Ruprecht). Aufs Wort glaubt man es ihm. Die Epoche seiner Wirkung, die Stationen seiner Laufbahn, die vom Peking der Mandschu-Dynastie bis zum Djakarta Sukarnos rings um die Welt führten, vor allem aber seine eigene ungewöhnliche Persönlichkeit sind ein sicherer Beweis.

Hentigs Weg war früh von spektakulären Aufträgen und Erfolgen gekennzeichnet. Weithin bekannt ist seine diplomatische Mission 1915/16 ins verschlossene Afghanistan, die gegen die englische Herrschaft über Indien gerichtet war. Was sie an Ausdauer und Entschlußkraft, Phantasie und Treue zur Sache verlangte, entspricht genau seinen Qualitäten. Das Ende des Ersten Weltkrieges sah ihn als Leiter der Nansenhilfe damit befaßt, die deutschen Kriegsgefangenen in Rußland zu versorgen und nach Hause zu befördern; nach einem Jahr hatte er die Aufgabe erfolgreich gelöst.

Als jüngster Generalkonsul übernahm Hentig bald darauf die Leitung einer der damals größten und schwierigsten Behörden des Auswärtigen Dienstes: das Generalkonsulat in Posen. Im Mittelpunkt standen wieder humanitäre Probleme, die Rückführung der freiwilligen Optanten und verdrängten Umsiedler, aber auch die Erhaltung des Deutschtums in den polnisch gewordenen Gebieten. Es folgten pädagogische Aufgaben in Berlin bei der Jugendbewegung, an der Hochschule für Politik und als „Attachévater“ des Amtes. Nach mehreren Auslandsjahren in San Franzisko, Bogotá und Amsterdam kehrte der Diplomat für die schwerste Zeit des Dritten Reichs nach Berlin zurück.

So wenig wie andere konnte er die Agonie des Auswärtigen Amtes verhindern. Aber sein mutiges Eintreten für seine Überzeugungen ist vielfältig bezeugt, wenn in seinem Buch auch nur sparsam angedeutet: Im Werben für Einsicht und Recht bei Ämtern und Offizieren, in tätiger Hilfe für den Widerstand und immer wieder für persönlich Verfolgte, in der Verweigerung jeglicher Mitgliedschaft bei der Partei und ihren Organisationen.

In der Nachkriegszeit folgte auf das kirchliche Außenamt der EKD der Botschafterposten in Indonesien, zum Schluß die Tätigkeit als persönlicher Ratgeber des Königs Saud. Anschaulich schildert Hentig die deprimierenden Erfolge der feudalen Hofkamarilla im Kampf gegen überfällige Reformen.

Von dieser Fülle der Ereignisse und von der Erlebniskraft des Verfassers bezieht die Darstellung ihre Farbe. Dennoch ist sie knapp und beherrscht. Auch thematisch ist sie, wie es im Nachwort heißt, auf das Dienstleben beschränkt. Indessen entspricht der Objektivierung des Persönlichen das Subjektive im Sachlichen. Nicht, daß Hentigs Sachurteile subjektiv gefärbt wären. Aber was ihn an einer Sache immer vor allem fesselte, war die Forderung, die sie stellte. Es gab für ihn keine Sache ohne persönliche Entscheidung und Einsatz. Und so schildert er in seinem Buch – trotz seines in vielen Vorträgen und Aufsätzen bezeugten leidenschaftlichen Interesses an den politischen Grundsatzfragen – nur zum geringeren Teil die politischen Gegebenheiten, dafür um so intensiver den Kampf für die Sache und gegen jene, die ein anderes Verhältnis zu ihr hatten.

Der Härte gegen sich selbst, die sich in jedem Kapitel seiner Erinnerungen zeigt, entsprach stets der Kampf – nicht immer allerdings für das Mögliche, sondern oft für das der eigenen Auffassung entsprungene Absolute. So wurde sein mutiger Kampf gegen die Trägheit und Intrige der Bürokratie nicht selten zur Auseinandersetzung mit Menschen, von denen ihn nicht Not und Ziel, sondern nur Weg und Temperament unterschieden. Ein schmerzvoller Beitrag für die immer neue Erkenntnis, wieviel wertvolle Kraft jene Menschen im Widerstreit untereinander verlieren, die sich in der Gemeinsamkeit der Gefahren als Bundesgenossen erkennen und gewinnen könnten.