Höhepunkt in Cortina d’Ampezzo war die Kür der Damen

Von Heinz Maegerlein

Wenn die letzte Stunde im Kürlaufen der Damen am Sonntagnachmittag nicht gewesen wäre, man könnte diese Weltmeisterschaft im Eiskunstlaufen 1963 wahrlich schnell vergessen. Denn alles, was vorher gewesen war, blieb merkwürdig und in einzelnen Konkurrenzen auch unerwartet farblos.

Da war das Paarlaufen gewesen, Natürlich hatten wir uns gefreut, daß ein deutsches Pair siegte, aber daß Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler die noch in Budapest bei der Europameisterschaft zwei Wochen vorher zwei brillante Läufe gezeigt hatten, mit einer so mittelmäßigen Leistung Weltmeister werden konnten, weil de anderen noch weniger konnten und anscheinend noch nervöser liefen, das minderte unsere Freude verständlicherweise doch beträchtlich. Und daß die im Training ihre gesamte Kür blendend laufenden Kanadier Gertrude Desjardins und Maurice Lafrance, bei deren Anblick wir endlich wieder einmal nach reichlich dürren Jahren an große Minuten des Paarlaufs geglaubt hatten, dann so schwach liefen, daß sie mit vollem Recht nur Vierte wurden, daß weiter Ludmilla Belousowa und Oleg Protopopov mit ihrer kaum besseren Kür in Cortina enthüllten, daß ihre Leistung von Budapest schon nahezu oder überhaupt die Grenzen ihrer Möglichkeiten aufgezeigt hatte, das vervollständigte unser aller Enttäuschung. Denn es gab tatsächlich in Cortina d’Ampezzo niemanden, der im Paarlauf von großen Leistungen sprach, niemanden wohlgemerkt, also auch jene nicht, die in nationalistischer Übersteigerung Hymnen der Freude über den „deutschen“ Sieg anstimmten. Da half es auch wenig, daß man die außerordentlich unglücklichen äußeren Umstände bedachte: Zu späte Stunde der Konkurrenz, zu hartes Eis, zu große Kälte. Das alles können alle Paare mit vollem Recht als Entschuldigung anführen. Der Paarlauf von Cortina hätte sicherlich ganz anders ausgesehen, wenn er zu anderer Stunde ausgetragen worden wäre. So aber blieb eben leider der Eindruck einer schwachen Konkurrenz.

Noch weit schwächer freilich war der Eistanz. Es war im Grunde völlig gleichgültig, ob Eva Romanova und Pavel Roman, wie es dann diesmal durch den zweifellos besseren Kürtanz geschah, oder Linda Shearman und Michael Philips siegten: beide Paare boten nichts Weltmeisterliches. Die Einfallslosigkeit der Kürtänze selbst der besten Paare war erschütternd, und als mit neckischen, allzu neckischen Kopfdrehungen und Schrittchen und Umarmungen der verschiedensten Art schließlich die Weltmeister gekürt waren, priesen wir uns glücklich, daß uns Ähnliches in den olympischen Gefilden in Innsbruck im kommenden Jahr erspart bleiben wird.

Großartige Pflicht, miserable Kür

Bei den Herren ist unser Urteil wohl etwas getrübt. Wenn ein so prächtiger junger Mann wie Manfred Schnelldorfer, obwohl er mitten in seinen Abiturvorbereitungen steht, das Kunststück fertigbrachte, Bester der Pflicht zu werden, selbst vor einem anerkannt großartigen Pflichtläufer, wie es der sechs Jahre ältere Slowake Karol Divin ist; wenn die Chancen, Weltmeister zu werden, nach einem zwar guten, aber keineswegs überragenden Kürlauf von Alain Calmat und einer matten Darbietung von Divin riesengroß wurden, und nur die allzu späte Stunde, die bittere Kälte und das überaus harte Eis, das den 160 Pfund schweren Manfred Schnelldorfer mehr benachteiligte als die viel leichteren Konkurrenten, es verhinderten, daß völlig überraschend nach 53 Jahren Pause wieder einmal ein Deutscher Weltmeister im Eiskunstlauf wurde – so ist es schwer, im Rückblick auf. diesen Wettbewerb der Herren völlig objektiv zu bleiben. Denn Manfred Schnelldorfer stand tatsächlich viel dichter vor dem Titel, als wir alle es selbst noch nach dem Ende der Pflicht hatten wahrhaben wollen. Alle Experten waren sich in Cortina einig: Es hätte nur eines mittleren Kürlaufs bedurft, und der Oberprimaner wäre als Weltmeister aus dem Dolomitental nach Hause zurückgekehrt. Freilich, als er das Eis zu seinem Kürlauf lange nach Mitternacht betrat und bereits die erste halbe Minute erkennen ließ, wie nervös und unsicher er war, da wußten wir schon, daß die Sensation, die doch schon fast Wirklichkeit zu sein schien, nicht eintreten würde. Daß Manfred Schnelldorfer dann mit einer – gemessen an seiner sonstigen Kürleistung – miserablen Kür bei gleicher Platzziffer mit dem Zweiten, dem Europameister Alain Calmat nur durch die Priorität der zahlreicheren zweiten Plätze für den Franzosen vom zweiten Rang verdrängt wurde, das ließ erkennen, wie nahe unser siebenfacher deutscher Meister am Titelgewinn gewesen war. Sepp Schönmetzler siebenter Rang, vervollständigte die ausgezeichneten Leistungen der deutschen Läufer in Cortina.