Von Ben Witter

Schilz mußte um vier auf dem Rangierbahnhof sein. Seine Frau stand am Küchenfenster, als wir uns vor dem Zigarettenautomaten trafen. Schilz ging immer von der Haustür schräg über die Straße zum Zigarettenautomaten, und wenn er sich eine Packung herausgezogen hatte, machte seine Frau das Licht in der Küche aus.

Vom Zigarettenautomaten bis zum Rangierbahnhof waren es zwanzig Minuten. Ich zählte die Fenster, hinter denen schon Licht brannte. Ein Fenster stand offen. Und Schilz erzählte, da wohne eine Frau, die immer das Fenster aufmache, wenn ihr Mann fortgegangen sei, auch wenn es regne und sogar im Winter. Schilz kannte alle in der Straße, die mit der Eisenbahn zu tun hatten.

Am Ende der Straße stand einer am Fenster und rasierte sich. Der Spiegel hing am Fenstergriff; der Mann zog die Oberlippe herunter und hielt seinen Kopf etwas zur Seite.

Mit jedem Schritt kam das Grummeln und Poltern vom Rangierbahnhof näher, und in der Luft war der Rauch aus den Schornsteinen vom Eisenwerk, von der Gießerei und von den Lokomotiven.

Wir schwangen uns über einen niedrigen – Eisenzaun und gingen an einem Gleis entlang. Zwischen den Schwellen wuchs Gras. Schilz sagte: "Früher war das Gras zwischen den Schwellen über einen halben Meter hoch. Ich habe als Kind hier gespielt, aber das wurde immer wieder verboten, aber nicht, weil es zu gefährlich war, sondern weil die Leute das Gras für die Kaninchen haben wollten. Sie hatten Schrebergärten; aber sie wollten auch noch das Gras.

Schilz blieb stehen. Es war erst zehn vor vier. Wir starrten in eine halbrunde Halle, rußverkrustet, mit zwölf riesigen Löchern. In jedem dieser Löcher eine Lok, vier davon ohne Tender. Die Maschinen sahen aus wie abgeschnitten. Punkt vier Uhr bekommen sie Feuer unter die Kessel und ziehen langsam ab, nicht weit, vor und zurück und zurück und vor. Sie müssen ziehen, stoßen, mit halber und dann mit der ganzen Kraft. Dazwischen gellen die Pfeifsignale der Rangierer, mal ganz kurz, schnell hintereinander, dann nicht so kurz und lauter und dann länger und lauter, und dazwischen schnappen die Weichen. Über hundert Weichen.