Frankfurt

In einer Hotelhalle in Kopenhagen unterhielt sich jüngst der hessische Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer mit einem Journalisten. Das war nichts Ungewöhnliches. Der temperamentvolle süddeutsche Jurist hat ein besonders herzliches Verhältnis zu unsern Nachbarn im Norden. In Dänemark und später in Schweden fand er 1936 bis 1945 Schutz vor faschistischer Verfolgung. Seit dieser Zeit gilt sein Wort etwas in den skandinavischen Ländern. Man schätzt sein Urteil über die innenpolitische Situation in der Bundesrepublik. So saßen der Generalstaatsanwalt und der Reporter der „B. T.“, der Boulevardausgaben der „Berlingske Tidende“, lange zusammen und unterhielten sich. Es ging dabei um die „Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit“ und um den „Antisemitismus“.

Nun hat Dr. Fritz Bauer, am Beginn seiner juristischen Laufbahn im Jahre 1930 als 26jähriger der jüngste Amtsrichter Deutschlands, eigene Gedanken gerade über diese beiden Themen, und sie sind von Zweckoptimismus und „amtlicher Meinung“ recht weit entfernt. Aber was er dann am nächsten Tage in der dänischen „B. T.“ las, überraschte auch Dr. Bauer. „Wenn Hitler heute in Deutschland erscheinen würde“, so las er, „dann würde er vom deutschen Volk nicht abgelehnt werden. Ich glaube nicht, daß die junge deutsche Demokratie stark genug wäre, ihn abzuweisen.“ Und zum Antisemitismus: „Heute könnten sie keinen Deutschen dazu bringen, seine aufrichtige Ansicht über Juden auszusprechen. Unter der Oberfläche wartet ein glühender Antisemitismus, obwohl in Deutschland kein Judenproblem existiert. Der beherrschende Einfluß der Juden im Geschäfts- und Kulturleben ist gebrochen worden, aber der Haß ist noch der gleiche.“

Bauer distanzierte sich sofort von dem Kopenhagener Interview: Das Gespräch sei auf die Frage gekommen, wie das deutsche Volk reagieren würde, wenn Hitler wieder auftauchte. „Ich erzählte, ein deutscher Student habe kürzlich in einer Studentenzeitung von einem englischen Fernsehspiel berichtet. In diesem Stück sei dargestellt worden, wie Hitler zurückkehre; und der Autor habe zu zeigen versucht, daß Hitler trotz allem, was er getan habe, nicht abgelehnt würde. Ich erzählte dem Journalisten, daß das englische Denkspiel auch in Deutschland Anlaß zum Nachdenken gegeben habe. Auffallend sei, daß eigentlich jeder zunächst kurz nachgedacht habe, bevor er eine Antwort gegeben habe. Es sei keine spontane Antwort erfolgt, etwa derart: ‚Den schlägt das deutsche Volk sofort tot.‘“

Wenn hier schon deutlich wurde, daß die Bildzeitung des Nordens die Meinung des deutschen Gastes nicht korrekt wiedergegeben, sondern „scharf gemacht“ hatte, so zeigte sich das bei Bauers Gegendarstellung zur Frage des Antisemitismus noch deutlicher. „Selbst wo ein Antisemitismus vorhanden sein mae“. so hatte Bauer dem Journalisten erklärt, „käme er infolge der Tabuisierung nicht an die Oberfläche. Es gäbe auch keinen zulänglichen Anlaß hierzu, da es nur noch wenige Juden in Deutschland gebe. Ihre Zahl werde auf 30 000 geschätzt.“ So sagt Bauer heute, sei das Gespräch in Wirklikeit gelaufen. Was sonst zu diesen Themen in dem Interview stehe, sei von ihm nicht gesagt worden.

Doch ehe Bauer, der sich erst 1949 entschloß, aus Dänemark nach Deutschland zurückzukehren, Zeit zur Gegendarstellung fand, war der Aufruhr schon im vollen Gange. Die Nachrichtenagentur UPI hatte nämlich das Kopenhagener Gespräch weiterverbreitet, und die Meldungen waren am Tage darauf auch in der deutschen Presse zu lesen. Die ersten an der Front der Entrüsteten waren seine eigenen Parteifreunde von der SPD. Ohne sich die Mühe zu machen, beim Genossen Bauer in Frankfurt anzufragen, wie denn nun eigentlich die Sache in Kopenhagen gelaufen sei, beeilte sich der Sprecher des SPD-Vorstandes, Franz Barsig, zu bedauern, der hessische Generalstaatsanwalt habe die deutschen Verhältnisse nach Auffassung der SPD „in grober Weise verzerrt“.

Genauso verfuhren auch die anderen Kritiker in Bonn. „Von keiner Seite hat man es für nötig gehalten, sich mit mir in Verbindung zu setzen oder sich meine angeblichen Äußerungen in dem Interview bestätigen zu lassen“, beklagt sich Bauer. Der Regierungssprecher versicherte mit Pathos, die Bundesregierung weise Bauers Äußerungen „mit Empörung“ zurück. Man habe eine „wesentlich andere Auffassung von der politischen Reife des deutschen Volkes“ als der hessische Generalstaatsanwalt.