Wo bleibt heute Barbara? Die Setzer fragen es jeden Dienstag. Sie fragen nicht nach einer Sekretärin, einer Packerin, einer Buchhalterin, Barbara ist auch keine Schnapsmarke. Barbara ist das Manuskript mit der Überschrift „Barbara bittet“. Und Barbara bittet jetzt seit zehn Jahren.

Am 10. März 1953, in einem Monat, in dem 58 600 Flüchtlinge registriert wurden, taten sie sich zusammen und halfen. Sie – das waren Fräulein Barbara und ihre Freundinnen: Hamburger Frauen, Kaufmannsfrauen. Gut sein, mildtätige Gaben, Almosen – nein, nein! Barbara und ihre Freundinnen packten die Sache sehr nüchtern an, und lebten sie nicht in der Freien und Hansestadt Hamburg, müßte man wohl sagen: sehr preußisch.

Sie gingen zuerst dorthin, wo vor der grauen Wirklichkeit alle Rührung und alle Weinerlichkeit weicht. Sie gingen in die Flüchtlingslager. Die abstrakte Summe des Elends wurde für sie zu lauter konkreten Einzelheiten der Sorge und der Not, die nicht nur überwindbar schienen, sondern es für sie auch waren.

Sicher, die Flüchtlinge bekamen staatliche Unterstützung. Aber die wird nun einmal – es kann kaum anders sein, man weiß es – sehr schematisch gewährt: Formulare, Anträge, Nachweise, Rückfragen, vorläufige Bescheide. Bis die endgültige Entscheidung endlich mit dem letzten Stempel und der letzten Unterschrift versehen war, ist viel Zeit vergangen. Aber selbst dann war sichere Hilfe nicht immer verbürgt: Gewisse Vorbedingungen blieben unerfüllt, Stichtage waren versäumt worden. Und gerade dieser Grenzfälle oder der Fälle, in denen heute, sofort, geholfen werden muß und nicht erst morgen, wenn der staatliche „Endbescheid“ hoffentlich da sein wird – ihrer nahmen sich Barbara und ihre Freundinnen an. Sie wußten, daß es auf den Anfang ankam, und wollten deshalb den Start ins neue Leben erleichtern. Konkrete Fälle:

  • Der Kellner aus Dresden, der keinen Frack hatte, aber sofort eine Anstellung bekommen könnte, hätte er einen gehabt. Welcher Ehemann von Barbaras Freundinnen seinen Frack vermißte, ist nicht mehr festzustellen, aber Barbara half, schnell, unbürokratisch, gezielt.
  • Zwei alte Damen wollten im Lager nicht untätig herumsitzen. Zu einer bestimmten Heimarbeit jedoch brauchten sie eine Nähmaschine. Wer verteilt schon Nähmaschinen? Barbara schaffte es an einem Tage.
  • Ein Zahnarzt stand vor dem Neuanfang. Die Flüchtlingsstarthilfe verhalf ihm billig zur Grundausstattung. Erstes Gerät: ein Bohrer.
  • Im Lager begegnete Barbara einem Fagottisten. Er hatte sein Instrument zurücklassen müssen. Er wurde geprüft, bekam ein Fagott und fand Arbeit.

Es war im Grunde immer nur die Planke, die gelegt werden muß, auf der man stehen kann und von der man dann selber allein weiter kann – Barbara und ihre Freundinnen legten sie: Die Flüchtlingsstarthilfe war geboren. Die ZEIT-Leser haben seitdem, seit zehn Jahren nun, sehr großen Anteil daran, daß unzählige Male wirksam geholfen werden konnte. Zehn, hundert, fünfzig, fünf Mark – die Rubrik „Barbara bittet“ blieb nie ohne – oftmals überraschend starkes – Echo. Schulklassen spendeten, Vereine, Betriebe, Stammtische und immer wieder „der einzelne Leser“. Jede Mark, die gegeben wurde, kam einem konkreten „Fall“, einem ganz bestimmten Menschen zugute, sei es für eine Kur, sei es als Zwischenkredit, als Ausbildungsbeihilfe, für die Anfänge einer Wohnungseinrichtung oder ... als Frack.

Schon recht, aber heute noch Flüchtlingsstarthilfe? Da ist doch die Mauer? Und für die paar, die da noch durchkommen?