Paris, Anfang März

Die Fünfte Republik de Gaulles sieht sich einer anschwellenden und disziplinierten gewerkschaftlichen Massenbewegung gegenüber. Der Streik der Bergarbeiter droht sich auch auf andere Gewerkschaften auszubreiten. Zum erstenmal versagt das Mittel der Zwangsverpflichtung um den Ausstand zu beenden. Zum erstenmal in der Geschichte des französischen Bergbaus haben sich die Ingenieure und Verwaltungskader mit den Grubenarbeitern solidarisch erklärt und sich geweigert, Sanktionen gegen die Streikenden zu unterstützen. Vielleicht hat sogar General de Gaulle zum erstenmal seinen Meister gefunden – in den „gueules noires“, den „Schwarzgesichtern“ aus den französischen Bergwerken, die sich mit ihren Lohnforderungen nicht mehr auf bessere Tage vertrösten lassen wollen.

Der Befehl zur Dienstverpflichtung trägt die Unterschrift des Staatspräsidenten. Sie entspricht seiner Vorstellung vom Wesen des Staates: Die Mannschaft des Staatsschiffes muß ruhig ihre Pflicht erfüllen, während er, der Kapitän, mit sicherer Hand das Schiff durch die Stürme steuert. Auf ähnliche Weise hat er bisher die Armee und das Parlament in ihre Schranken gewiesen. Gegenüber den Grubenarbeitern aber war dies wohl ein psychologischer Mißgriff. Aus einem Lohnkonflikt ist eine Kraftprobe um das Prinzip des Streikrechts geworden, eine Kraftprobe auch der staatlichen Autorität. Schon haben die Eisenbahner, die Angestellten der Pariser Verkehrsbetriebe und das Personal des französischen Rundfunks in Sympathiestreiks den Bergarbeitern ihre Solidarität bekundet – ein Vorgang, der die Regierung beunruhigen muß.

Beide Seiten führen im Lohnkonflikt dasselbe Argument ins Treffen: die Preissteigerungen. Sie bestärken die Entschlossenheit der Grubenarbeiter, einen Lohnrückstand von angeblich 11 Prozent gegenüber anderen Wirtschaftszweigen ohne Verzug wettzumachen, und gleichzeitig eine Verkürzung der Arbeitszeit von 48 auf 40 Stunden mit vollem Lohnausgleich zu verlangen. Die Regierung aber will nicht über eine Lohnerhöhung von höchstens 5,77 Prozent im Laufe dieses Jahres hinausgehen, um die Lohn-Preis-Spirale nicht weiter anzutreiben. Die Gewerkschaftsführer haben Verständnis dafür, daß die Regierung eine Inflation abwehren will. Aber diesmal geht der Widerstand von der Basis der Arbeiter aus. Nach den „Pieds noirs“ in Algerien bekommt es de Gaulle nun mit den „gueules noires“ in Frankreich zu tun. Und die Schwarzgesichter sind für ihn vielleicht noch gefährlicher: sie überlassen ihre Sache nicht den Politikern und Militärs. Rudolf Fischer