K., Zürich, im März

Wenn etwas im internationalen Leben rätselhaft ist, so hat meist Sowjetrußland seine Hand im Spiele. Dies trifft auch auf den Handel mit Gold zu. Wie hoch ist der russische Goldschatz? Niemand im Westen weiß es. Jahre hindurch hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hierüber Schätzungen in ihrem Jahresbericht veröffentlicht, aber hernach ließ sie davon ab, weil die Zahlen zu unsicher waren.

Wenn die Goldgruben im fernen Lena-Gebiet weiter jährlich so viel hergeben wie einst, als sie unter britischer Verwaltung standen, müßte Sowjetrußland – dessen Goldverkäufe am Londoner Markt durch das dortige Bankhaus Samuel Monatgue & Cie. jedes Jahr ziemlich genau errechnet und hernach bekanntgegeben werden – den zweitgrößten Goldschatz der Welt angehäuft haben. Gewiß könnten sich jene Goldfelder in den mehr als vier Jahrzehnten, seitdem die Briten dort nichts mehr zu suchen haben, erschöpft haben; aber von Zeit zu Zeit vernimmt man, daß in Ostsibirien neue entdeckt worden sind. Wie auch immer, Moskau muß über sehr bedeutende Mengen an Barrengold verfügen.

Einen Teil dieses anscheinend als Kriegsschatz betrachteten und dementsprechend vor jeglicher Spionage streng gehüteten Goldes gibt Moskau jährlich auf den westlichen Goldmärkten, Paris oder London, manchmal auch in Zürich, ab. Offenbar deswegen, um sich – oder anderen Satellitenstaaten? – westliche Devisen zur Abdeckung von Zahlungsverpflichtungen aus Lieferverträgen zu verschaffen. Die Goldeingänge in den westlichen Ländern aus russischen Beständen erfolgen daher sehr unregelmäßig, aber sie sind zumindest ihrem Betrage nach bekannt. Auf die Goldverluste hingegen trifft dies nicht zu. Diese resultieren aus den Goldhortungen im Nahen Osten, in Indien (obschon dort die Goldeinfuhr verboten ist) und in ganz Südasien. Früher trug auch China dazu bei, daß die Goldhändler in Beirut und in Hongkong gut verdienen konnten, aber damit ist es vorerst vorbei – der Chinese braucht die tägliche Brotration dringender als Goldbarren.

Wieviel Gold kommt nun jährlich auf den internationalen Goldmarkt und was bleibt davon in den Händen unserer Notenbanken? In den letzten fünf Jahren konnten folgende Zahlen ermittelt werden (alle in Mill. Dollar):

Im Jahre 1962 sind nun die monetären Goldbestände der Notenbanken in der freien Welt um 400 Mill. Dollar gestiegen. Der Bedarf an Industriegold (Zahnärzte, Schmuck und jetzt auch die Raumraketen) verschlangen Gold für 400 bis 500 Mill. Dollar. Aus dem Gesamtzufluß von neuen Gold von 1525 Mill. Dollar sind aslo Mengen im Werte von rund 600 bis 700 Mill. Dollar spurlos verschwunden.

Das brauchte die Währungspolitiker in der freien Welt an sich nicht zu beunruhigen. Zunächst rechnet man für die allernächsten Wochen mit einem Anhalten der seit Jahresbeginn bedeutenden Goldofferten Moskaus, weil im Jahre 1962 aus dieser Quelle weniger Gold als üblich kam. Die Vermutung liegt also nahe, daß Moskau aus spekulativen Gründen seine Devisenbestände im abgelaufenen Jahre auf ein Mindestmaß absinken ließ und seine Bestände jetzt auffüllt. (Rechnete etwa der Kreml mit höheren Goldpreisen wegen einer Kuba-Krise, die es früher kommen sah als Washington, die aber dann anders verlief, als man es sich im Kreml vorgestellt hat?)