J. K., Paris, im März

Die Spannungen in der französischen Wirtschaft haben sich in den letzten Monaten unter dem Einfluß des langen und strengen Winters verschärft. Die Preise steigen. Staatspräsident de Gaulle hat geglaubt, die politique de grandeur“ ohne den Rechenstift machen zu können. Seine Minister haben ihn und die Öffentlichkeit in dem Glauben bestärkt, daß alles, schon gutgehen werde. Die guten Wirtschaftsergebnisse (Zahlungsbilanz, Exporterfolge) wurden gebührend gefeiert, die schlechten (Lohn- und Preisbewegung) bagatellisiert. Als die Regierung eingriff, war es zu spät.

Schockeinfuhren und Zollsenkungen sind Waffen, die in der Inflationsperiode der Nachkriegszeit bis 1958 immer wieder, aber ohne jeden dauerhaften Erfolg gebraucht und verbraucht wurden. Sie werden diesmal noch weniger Erfolg haben, denn überall in Europa sind frische Gemüse knapp und teuer. Mit diesen direkten Waffen ist also im Augenblick wenig anzufangen. Der Einsatz indirekter Waffen, die der Finanzminister zur Dämpfung der inflationistischen Tendenzen auf kreditpolitischem Gebiet geschmiedet hat, wird sich bestenfalls in einigen Monaten auswirken können. Die Kreditbremse ist leicht angezogen worden. Durch ein kompliziertes Spiel, das dem französischenKreditsystem eigen ist, soll der Konsumkredit gebremst, der Investitionskredit gefördert werden. Finanzkreise befürchten, daß diese Maßnahmen weder den Nachfrageüberhang entscheidend verringern noch die Investitionstätigkeit genügend fördern werden, so daß der inflationistische Trend am Ende in eine stagnierende Wirtschaftstätigkeit umschlagen werde.

Diese Entwicklung deutet sich bereits in der Entwicklung der Börsenkurse an. Sie sind in Februar um rund 10 % zurückgegangen. Früher war das in Frankreich anders. Inflation drückte sich in der nach außen abgeschirmten Wirtschaft in steigenden Kursen aus. Jetzt, wo Frankreich das Spiel der offenen Märkte mitzuspielen gezwungen ist, hat die innere Inflation Wettbewerbsunfähigkeit und damit den Niedergang der eigenen Wirtschaft zur Folge.

Die breite Masse der Bevölkerung stellt derartige Überlegungen erst gar nicht an. Für sie ist die jüngste Preis-Hausse der Tropfen, der den Topf zum Überlaufen gebracht hat. Die öffentlichen Betriebe stehen, wie fast immer, im Vorfeld des Lohnkampfes. Es soll hier nicht untersucht werden, ob die Lohnforderungen berechtigt sind oder nicht. Die Bergarbeiter fordern 11 % Lohnerhöhungen; der Staat will nur 5 % geben. Ungefähr in der gleichen Größenordnung liegen die Forderungen und die Gegenangebote in den anderen öffentlichen Betrieben. Ein Kompromiß wäre durchaus möglich gewesen, wenn die Arbeiterschaft nicht schon seit langem über das allgemeine Verhalten des Staates gegenüber ihren Forderungen verärgert worden wäre.

Auch in Frankreich wartet der Staat in der Regel bis zum letzten Augenblick, um in Lohnverhandlungen einzutreten. Er macht Versprechungen und löst die Versprechungen später nicht ein. Erst jetzt, als das Haus bereits brannte, hat sich de Gaulle entschlossen, die Wirtschaftspolitik selbst in die Hand zu nehmen. Wie in der Außenpolitik versucht er nun auch auf den Felde der Lohnpolitik, die Probleme in autoritärer Weise zu lösen.

Zur Stunde ist noch nicht zu übersehen, ob ihm das gelingen wird. Eins steht auf jeden Fall schon jetzt fest: Die de Gaulle’schen Pläen der französischen Grandeur überfordern die Wirtschaft. Entweder wird er wenigstens einige seiner kostspieligen Pläne auf einige Zeit hinausschieben müssen, oder Frankreich wird sich bis auf weiteres auf eine Dauerinflation einrichten müssen. Die augenblicklichen Schwierigkeiten wären dann nur ein erster Aufakt.