Neun Symphonien auf acht Langspielplatten

Von Joachim Kaiser

Wer in unserem Kulturkreis aufwächst und musikalisch ist, empfängt schon in früher Kindheit ein Beethovenbild. Später kommt vielleicht noch Urteil hinzu, Spezialisierung und vorübergehende, hochmütige Abkehr. Es gibt auch dafür prominente Beispiele: Als angehender Komponist malte Hindemith einer Beethovenbüste einen Schnurrbart an – ein Menschenalter danach dirigierte er in Bayreuth die „Neunte“. Debussy belustigte sich über des verehrten Beethoven Albernheit; Strawinskij hatte keine Lust, bei einer französischen Prinzessin mit einem gewissen Proust über die Qualitäten der „letzten“ Streichquartette zu reden, weil er, ohne Ahnung von seines Partners Genie, annahm, dieser hochmütige Salonlöwe mache nur eine Mode mit. (Derselbe Strawinskij nimmt allerdings Beethovens zumindest problematische Metronomisierungen gegen die Willkür frei schaltender Interpreten in Schutz.)

Doch alle diese Differenzierungen und Snobismen – „Wissen Sie, ich kann Beethovens Pathos einfach nicht ertragen, ich ziehe Pastellwerke wie das Große B-Dur-Trio Opus 97 vor, natürlich auch nur mit Casals...“ – sind eigentlich Zutaten. Das Bild hat sich früher und mächtiger in die Seele gesenkt. Wirklich ein Bild: von den Titelblättern alter Noten blickt der Titan, stumm trotzt seine Büste neben dem Pianino. Gefurchte Züge, zerrissen, leidend und gütig. In der Klavierstunde fängt es mit (Beethovens Schüler) Clementi an, dann folgt der allzu schwere Mozart, aber er wird erschlagen, übertönt vom Jugendausbruch der „Pathetique“, die brausend das Fürchten lehrt. Vierhändig erdonnert klopft alsbald „das Schicksal an die Pforte“. Einzelheiten drängen von überall herzu: Heiligenstädter Testament, Taubheit, Eroica, Napoleon, die fürchterlich gejagte Handschrift. Wer könnte sich alledem entziehen? Und das Allegretto aus der Siebenten steigert sich zum nie endenden Nachtmarsch dunkel gepanzerter Krieger – man kann allen Pubertätsschmerz und alle Jugendverzweiflung der Welt in den „Tam-tamtam-ta-ta“-Rhythmus hineinlegen. Fürs Erwachsenwerden muß man auch damit zahlen, daß man solche Musik nicht ein zweites Mal zum ersten Male hören darf.

Trotz „Frühlingssonate“, „Wut über den verlorenen Groschen“, trotz dem gelasseninnigen Monolog des Violinkonzertes: so sieht das nie ganz abtötbare kollektive Unbewußte musischer Beethoven-Erfahrung aus. Ein Traum – kein Trauma! – von heldischem Tun und festlichem Ton dringt früh in jedes empfängliche Gemüt. Dieses Beethovenbild verbindet Hörer und Musiker. Exaltierte Titanen im Frack haben uns seine lächerlichen Konsequenzen vorgeführt, darum nennt man es, zugleich verlegen und gebildet, das „romantische“ Beethovenbild. (E. T. A. Hoffmann und Robert Schumann entwarfen es wohl als erste.) Aber unabtrennbar gehört es zur Sache, zum Anspruch der Werke. Noch in der unterkühltesten Aufführung der „Neunten“ geht ein Schauer durchs Publikum, wenn sich zu Beginn des vierten Satzes der Chor erhebt, ergriffen auf die Manschettenhand des Dirigenten und den zerfallenden Klavierauszug blickt. Auch wenn kein Wort von den Kurzwellensendungen der BBC während des Zweiten Weltkrieges mehr gewußt werden wird: an das katastrophenverheißende Pausenzeichen – „Schicksalsmotiv“ und Code in einem – wird sich beklommen jeder „Beethoven-Deutsche“ erinnern, solange es Konzerte und Rundfunksendungen gibt.

Es besagt gegen die Existenz eines solchen „Bildes“ nichts, daß damit natürlich keine verbindlichen oder gar eindeutigen Interpretations-Konsequenzen verbunden sind. Backhaus spielt die „Hammerklavier-Sonate“ anders als Serkin oder Solomon, keiner von ihnen spielt sie „falsch“. Dennoch gehen alle drei Pianisten offenbar von einer ziemlich gleichen „Ur-Anschauung“ aus. Das läßt sich sogar an einer wohl kaum zufälligen physiognomischen Äußerlichkeit ablesen. In gewissen Adagio-Augenblicken oder bei mächtig kadenzierenden Schlußakkorden nehmen viele Beethoven-Interpreten Züge ihres Leitbildes an. Gesammelter, wilder Ernst verwandelt die Gesichter in fast gespenstische Beethovenbüsten. Ob Edwin Fischer, Elly Ney, Wilhelm Backhaus, Wilhelm Furtwängler, Arthur Schnabel oder Erich Kleiber – von ihnen allen ist mehr als einmal gedacht und gesagt worden, sie hätten, bei aller äußeren Verschiedenheit, „Beethoven plötzlich ähnlich gesehen“. So unwiderstehlich wirkt das Beethovenbild. Mit ihm nimmt Herbert von Karajan es auf.

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