Drei Tage vor der konstituierenden Sitzung des neuen Berliner Abgeordnetenhauses ist der Regierende Bürgermeister Willy Brandt zu einem zweitägigen Besuch nach Österreich geflogen. Brandt konnte diese Reise mit der Gewißheit antreten, daß die Berliner Koalition unter Dach und Fach ist. Mag es auch zwischen der FDP und der SPD noch einiges Gezerre um Senatoren und Senatsdirektoren geben. Grundsätzlich sind sich die beiden Parteien einig; „Das dürfte gelaufen sein“, sagte der FDP-Vorsitzende Borm.

Wie freilich die Berliner Gemeinsamkeit jetzt, da die CDU in die Opposition gegangen ist, erreicht werden soll – das steht auf einem andern Blatt. Zwar erklärte die CDU, sie werde auch künftig in allen Lebensfragen der Stadt mit den anderen Parteien zusammenarbeiten, zugleich aber betonte der CDU-Vorsitzende Amrehn, „die neue Welle der SPD“ sei der Grund dafür, daß seine Partei die Opposition gewählt habe. Das aber kann doch nur bedeuten, daß die CDU gerade in den Existenzfragen der Stadt Ansichten vertritt, die von denen der SPD beträchtlich abweichen, und daß sie auch in der Berliner „Außenpolitik“ künftig opponieren wird. Willy Brandts Versöhnungsgeste – er hatte auf seinen Besuch bei Chruschtschow verzichtet, um die Große Koalition, die außenpolitische Gemeinsamkeit zu retten – wurde von der CDU nicht honoriert.

Berlin galt einst als Muster der Gemeinsamkeit für Bonn. Und Bonn hat viel von Berlin kopiert, zuviel sogar. Wird nun Berlin ein zweites Mal Vorbild werden? – l