Paris (Musée des Arts Décorafifs): „Spanische Malerei“

Vor hundert Jahren hat Paris die spanische Malerei entdeckt, mit den nachhaltigsten Folgen für die französische Malerei, Manet hatte seine spanische Periode, Courbet und sogar der sanfte Millet wurden betroffen und verändert. Heute bedeutet die Gesamtdarstellung spanischer Malerei vom 14. Jahrhundert bis zu Goya, die bis Mitte April im Louvre zu sehen ist, keine Sensation, keine Neuentdeckung, wenn man davon absieht, daß sämtliche 130 Bilder, aus französischen Museen, Kirchen und Sammlungen stammen und nur die wenigsten, eigentlich nur die Bilder aus dem Louvre, allgemein bekannt sind. Von den großartigen Beständen der französischen Provinzmuseen, Lille, Rouen, Besançon, Montpellier und Castres, haben selbst ernsthafte Kunsttouristen keine rechte Vorstellung. Nicht alle Künstler sind gleich gut oder ihrem Rang entsprechend vertreten. Velasquez und Greco spielen hier nicht die Rolle, die ihnen zukommt. Am erstaunlichsten und am reichsten sind Anfang und Ende: die Sakralgemälde aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die an Italien erinnern, an Siena, europäische Gotik in einer eminent spanischen Variante, ekstatisch, glühend, düster. Dann Pedro Berreguete aus Castilien, mit seinen Darstellungen griechischer Philosophen ist er den besten europäischen Malern des 15. Jahrhunderts ebenbürtig. Der letzte Saal, Schluß und Höhepunkt der Ausstellung: Goya. Das Monumentalbild „Junta der Philippinen“ (aus Castres) und die beiden Frauenbilder, die als grandiose und schauerliche Pendants nach Lille geraten sind: die junge Briefleserin, hell, liebenswürdig, unterm Sonnenschirm der Dienerin, mit dem hüpfenden Pudel, und die „Alten mit dem Spiegel“‚ Lemuren, Gespenster in duftigem Weiß, Kehricht für den Besenmann, der sie ins Nichts befördert. – Der Spanier Ramón del Valle-Inclán schreibt, das tragische Lebensgefühl Spaniens lasse sich nur in systematischer Deformation wiedergeben, „ist doch Spanien selbst nichts als eine groteske Deformation der europäischen Zivilisation“ (wobei man heute nicht mehr zu betonen braucht, daß „grotesk“ und „Deformation“ keine negativen Vokabeln sind). g. s.