Bis zu ihren letzten Hinterbänklern spürt die CDU, wie gefährlich der immer wieder aufflackernde Streit um die Nachfolge des Bundeskanzlers für sie ist, wie sehr ihr die öffentlich ausgetragenen Kontroversen zwischen Adenauer und Erhard schaden. Seit Jahren erleben wir stets aufs neue, daß es in dem gespannten Verhältnis zwischen den beiden Männern zu heftigen Brüskierungen kommt. Und immer, wenn die Sorge, das Tischtuch zwischen ihnen könne endgültig zerschnitten werden, ihren Höhepunkt erreicht hat, findet eine Fraktionssitzung statt, die die Risse überklebt. Die abschließende Partei-Erklärung berichtet dann, das Versprechen in Zukunft freundschaftlich zusammenzuarbeiten, sei von einem besonders herzlichen Händedruck begleitet worden.

Eben hat der Fraktionsvorstand wieder einen solchen Streit geschlichtet. Kaum hatte Heinrich von Brentano vor der Presse den Versuch unternommen, die Beilegung der jüngsten Auseinandersetzung zwischen Adenauer und Erhard durch einige fast lyrische Akzente glaubhaft zu machen, als durch eine noch unaufgeklärte Indiskretion der Wortlaut eines Teils ihres Briefwechsels der Öffentlichkeit bekannt wurde. Diese Briefe, in denen beide ihrem Ärger Luft machten, geben mehr noch durch den gereizten Ton als durch die Darstellung der Gegensätze Aufschluß darüber, wie groß die Entfremdung und wie tief ihre Meinungsverschiedenheiten reichen.

Man kann verstehen, daß die Mehrheit des Fraktionsvorstandes diesen Briefwechsel, dessen Veröffentlichung zunächst beschlossen war, dann doch verhindern wollte, wenn man etwa an den folgenden Satz von Erhard denkt: „Darf ich Sie, Herr Bundeskanzler, daran erinnern, daß nicht Großbritannien den Beitritt zum Gemeinsamen Markt aufgekündigt hat, sondern daß umgekehrt Äußerungen französischer Staatsmänner es der britischen Regierung fast unmöglich machen, in Gesprächen mit den Partnerstaaten der EWG zu bleiben,“ Was besagt angesichts solcher Gegensätze einer jener schon öfter gewechselten Händedrücke, denen fast regelmäßig ein neuer Streit folgte?

Die Fama, die Erhards Widerstandskraft und Kampfentschlossenheit schon so oft falsch eingeschätzt hat, hatte auch am Tage der Fraktionsvorstandssitzung verkündet, daß der Bundeswirtschaftsminister vermutlich seinen Rücktritt erklären werde, um auf die Fraktion Druck auszuüben und ihn für das Bundeskanzleramt vorzusehen. Aber es kam umgekehrt: Auch dieses Kräftemessen ging zu Gunsten des Bundeskanzlers aus, der dabei wieder einmal seine taktische Überlegenheit und seine sehr viel größere Festigkeit bewies. Denn der Fraktionsvorstand beschloß, daß Adenauer bei der Auswahl seines Nachfolgers mitwirken und daß dieser „vom Vertrauen des scheidenden Kanzlers getragen werden solle“, wie sich Brentano vor der Presse ausdrückte.

Des Kanzlers Zweifel

Nun, Erhard als Kanzlerkandidat hat Adenauers Vertrauen nicht. Der Kanzler spricht dem Bundeswirtschaftsminister nicht seine „Meriten“ ab – um ein von ihm gelegentlich gebrauchtes Wort zu zitieren –, aber er meint, daß ihm der politische Instinkt, das taktische Geschick, die für das Kanzleramt notwendige Härte und Festigkeit fehlten. Wenn man daran denkt, welche Chancen Erhard in dem Wettstreit um das Kanzleramt einst hatte und wie er sie eine nach der anderen vergeben hat, so kann man Adenauers Zweifel an Erhards Eignung gerade für dieses Amt verstehen. Adenauer meint offenbar auf Grund so mancher Erfahrung, die er im Laufe seines langen Lebens mit Wirtschaftsführern gemacht hat, es sehe fast so aus, als ob der Instinkt für das ökonomische den für das Politische ausschlösse.

Auf Erhard bezogen, hat sich diese Meinung immer stärker in der Partei und der Fraktion der CDU durchgesetzt. Auch die Freien Demokraten stehen kühl beiseite. Erich Mende erklärte öffentlich und noch pointierter in einem privaten Gespräch, Erhard werde immer mehr an Glaubhaftigkeit hinsichtlich seiner Eignung zum Kanzler verlieren, wenn er weiter passiv bleibe und sich nur auf kritische Meinungsäußerungen beschränke – noch dazu häufig außerhalb der zuständigen Gremien.