Von Reimar Lenz

Der Dichter Werner Riegel verachtete Literaturbetrieb, mißtraute allen Vehikeln des Erfolges, Rundfunk und Presse; von einflußreichen Zusammenschlüssen hielt er sich fern. Als er am 11. Juli 1956 in Hamburg als Einunddreißigjähriger starb, hatte er in der (von ihm und Peter Rühmkorf begründeten) Zeitschrift Zwischen den Kriegen und im Studentenkurier (heute konkret) einige Dutzend Essays und Gedichte veröffentlicht; Hinzu kam ein Lyrik-Heftchen im Limes-Verlag.

Alles in allem ein recht schmales Werk, aber eines von hohem spezifischem Gewicht. Hans Henny Jahnn, Kurt Hiller und Richard Huelsenbeck waren frühzeitig auf Riegel aufmerksam geworden. Aber wer sollte die public relations des unmodischen Dichters in die Hand nehmen; welche Gruppe sollte das Werk des früh Verstorbenen fördern?

Über die „Gruppe 47“ hatte Riegel geschrieben: „In dem Maße, das nötig war, das Humanitäre seiner Radikalismen zu berauben, hat sich die Reaktion und Restauration des Humanitären bemächtigt: sie hat es verstanden, diese Autoren in ihrem Kulturbetrieb zu placieren, und hat dafür gesorgt, daß sie das Rennen machten. Es gibt aber bereits, wo auf Platz und Sieg gewettet wird, das Reglement, und wo man Kämpfe austrägt, nicht auf Sein oder Nichtsein, sondern auf Gewinn und Verlust, da ist schon bürgerliche Welt. Diese Autoren sind abgefunden worden, also kann sich ihre Umgebung mit ihnen abfinden. Aber in Wirklichkeit – und in der Wirklichkeit ist die bürgerliche Welt das am wenigsten Wesentliche – zählen sie nicht.“

Nun, das war Riegels Meinung im Jahre 1955. Vielleicht hätte er sie im Lauf der Jahre modifiziert – wie sein Freund Peter Rühmkorf. Eins aber ist sicher: Riegel wollte das Humanitäre seiner Radikalismen nicht beraubt sehen; er wollte die Last der Antithese auf sich nehmen, wollte sein: Anti-Faschist, Anti-Militarist, Anti-Klerikaler.

Werner Riegel starb nicht lange vor Brecht, wenige Tage nach Benn; aber beide, von denen er soviel gelernt hatte, übertraf er noch an Negativität. Diese Negativität hatte nichts zu tun mit dem vagen und konsequenzlosen Lebensekel, der nausee bärtiger Beatniks und „Existentialisten“; sondern die abgründige Skepsis, die der junge Riegel aus dem Krieg in die Epoche der Wiederbewaffnung hinüberrettete, war eine ganz präzise Reaktion auf die europäische Wertverwahrlosung. In der Lyrik und Prosa Werner Riegels tritt uns ein nun wirklich zorniger junger Mann entgegen, dessen Haß und Verzweiflung sich offenbar zur eiligen Vervielfältigung nicht eigneten.

Man hat Riegel nachgesagt, er sei ein Benn-Epigone, und Benn dürfte auch – neben Brecht – den tiefsten Eindruck auf den jungen Kriegsheimkehrer gemacht haben. Aber Riegel verbot sich jedes Schweifen im Exotischen. Sein Ton ist härter als das Melos der „Trunkenen Flut“, der Slang, den er – wie Benn – in die Poesie aufnimmt, direkter. Der metaphysisch begründete Pessimismus Benns diente Riegel nicht – wie jenem – als Rauschgift, sondern als Stimulans für eine literarische und politische Revolte.