H. W.,Schleswig, Anfang März

Das schleswig-holsteinische Oberlandesgericht in Schleswig hat in diesen Tagen eine düstere Bilanz gezogen: Im Jahre 1962 mußten die Schleswiger Richter in 76 Verfahren über Einwohner der Bundesrepublik zu Gericht sitzen, denen die Anklage vorwarf, verräterische Beziehungen zum sowjetzonalen Nachrichtendienst aufgenommen zu haben.

Nicht ein einziger der 76 Bundesbürger, die im vergangenen Jahr in Schleswig-Holstein wegen verräterischer Beziehungen vor Gericht standen, ist das, was man in der Sprache der Juristen einen „Überzeugungstäter“ nennt. Es gibt unter ihnen keinen, der an das, was im anderen Teil Deutschlands geshieht, wirklich glaubt.

Bei den meisten Angeklagten handelt es sich um junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren. Ihr Weg in die Zone begann meist mit einer Kurzschlußhandlung. Sie hatten Streit im Elternhaus oder im Betrieb. Sie schmissen die Arbeit hin, weil sie ihnen nicht mehr paßte oder weil sie – und diese Erklärung taucht häufig auf – sich nicht bevormunden lassen wollten. Sie wollten einfach weg. Beim Überschreiten der Demarkationslinie dachten sie noch nicht einmal an Spionage.

Zur zweiten Gruppe gehören die gescheiterten Existenzen, Menschen, die in der Bundesrepublik keinen festen Boden unter die Füße bekommen haben. Sie wollen ihr Glück in der Zone versuchen. Manche von ihnen sind Pendler zwischen Ost und West. Sie machen sich wenig Gedanken darüber, in welchem politischen System sie leben. Und schließlich die letzte und kleinste Gruppe: Das sind jene, die straffällig geworden sind und die sich einer Verurteilung entziehen wollen.

In den Aufnahmelagern der Zone treffen sich die verschiedenen Gruppen wieder. Und hier werden sie vom sowjetzonalen Sicherheitsdienst in die Zange genommen. Die Skala der Methoden ist vielfältig. Sie reicht von der Überredung bis zur Strafandrohung, und sie hat im Laufe der Jahre einen hohen Grad von Vollkommenheit erreicht. Es gibt kein Mittel, das unversucht bliebe. Und schließlich unterschreiben die Grenzgänger: die Verpflichtungserklärung und die Schweigeverpflichtung. Dann werden sie in der Bundesrepublik eingesetzt, zunächst mit kleinen, fast lächerlichen Aufträgen. Aber das System hat Methode. Es ermöglicht eine Auslese. Wer sich bewährt, bekommt größere Aufträge. Wer versagt, wird fallen gelassen. Diese Agenten sind außerdem billig. Sie bekommen nur ein minimales Handgeld. Und der Traum, schnell zu Reichtum zu kommen, endet sehr oft auf der Anklagebank eines Gerichts in der Bundesrepublik.