Die August Thyssen-Hütte mußte auf „innere Stärkung nicht verzichten

Von Ingrid Neuma.tn

Es ist nur zu verständlich, daß an der Börse in diesen Wochen immer wieder die Frage auftaucht, ob es der Montanindustrie wirklich so schlecht gehe, wie es die erbarmungswürdigen Aktienkurse vermuten lassen. Die Montanbörse ist seit Monaten nicht nur „lustlos“, bei einigen Werten hat der Pessimismus bereits zu einem geradezu alarmierenden Kursniveau geführt. Nun sind zwar die Montanaktien schon seit langem nicht mehr die stärksten Pferde im Rennen, und im Urteil der Börse sind sie – gerade in den letzten Jahren – immer sehr viel schlechter weggekommen als es der wirtschaftlichen Entwicklung in der eisenschaffenden Industrie entsprochen hätte. Aber offensichtlich hat die Börse die jetzige Misere kommen sehen. Sie lag in der Tat nicht falsch, wenn sie die Montanwerte geflissentlich „übersah“.

Verzicht auf Prognose

Die Stahlerzeuger haben um ihre Marktpositionen hart zu kämpfen. Rückläufige Absatzmengen und gedrückte Erlöse bestimmen seit fast eineinhalb Jahren die Entwicklung der Stahlkonzerne, die zudem fast ausnahmslos im Begriff stehen, ihre Produktionskapazitäten nicht unerheblich auszuweiten. Der Investitionsboom beim Stahl ist indessen keineswegs auf die Bundesrepublik beschränkt, so daß auch für die übersehbare Zukunft mit keiner spürbaren Entspannung der Marktlage gerechnet werden kann. Das – weltweite – Angebot wird trotz eines weiter steigenden Stahlverbrauchs auf absehbare Zeit die Nachfrage übersteigen.

Es kommt nicht von ungefähr, wenn die Vorstände der Hüttenwerke in dieser Bilanzsaison bei ihren Aussagen zur Geschäftsentwicklung auf die sonst üblichen kurzfristigen Erfolgsprognosen verzichten. Ein Silberstreif am Horizont des Stahlmarktes wird in den Verwaltungshäusern der Stahlgesellschaften offenbar nicht so bald erwartet. Niemand spricht in diesem Jahr von „Frühjahrs-“, „Sommer-“ oder „Herbstbelebung“. Die eisenschaffenden Werke haben sich auf einen längeren „Stellungskrieg“ einzustellen, der um so härter ausfallen muß, als die Kostensteigerungen vor allem auf dem Lohnkonto und die im Zuge der hohen Investitionen ebenfalls großen Abschreibungen eine zusätzliche Belastung für die Ertragslage der Unternehmen darstellen.

Diese Vorgänge kann selbstverständlich die Börse nicht übersehen. Die Aktionäre der Stahlindustrie haben dabei – vorerst – das Nachsehen; denn die Kurse ihrer Papiere sind nicht nur in den Keller gerutscht, sie haben auch zunächst keine realen Chancen, sich zu erholen. Den Stahlaktionären bleibt aber immerhin ein Trost: die Rendite der Montanpapiere war selten einmal so gut wie jetzt; sie liegt mit beispielsweise 7,3 % für die Thyssen-Aktie oder sogar 7,5 % für die Aktie der Phoenix-Rheinrohr AG weit über führenden Börsenwerten, ein Umstand, der mindestens den Neuerwerbern dann Freude machen dürfte, wenn er sicher sein könnte, daß die Dividenden auf alter Höhe gehalten würden. Deshalb hat der Satz „Trau, schau wem!“ bei der Beurteilung von Montanwerten mehr Berechtigung denn je. Anders ausgedrückt: Es ist absolut falsch, die Stahlaktien in Bausch und Bogen zu vernachlässigen. Zwar trifft die schwierige Marktlage alle Stahlerzeuger, aber wie die einzelnen Gesellschaften die Probleme meistern, wie sie diese meistern können – das ist höchst unterschiedlich ...