Die Legende will es, daß Paris eine südliche Stadt ist. Infolgedessen sah man am ersten Sonntag des März im Jardin du Luxembourg leicht und frühlingshaft gekleidete Menschen bei zehn Grad Kälte in langen Prozessionen lässig auf den schmalen zementierten Pfaden spazieren. Rundum Schnee und Eis. Und wohin die Sonne schien, war Matsch. Die Dame, die einen Fehltritt machte, riskierte es, die hohen Absätze im Morast verschwinden zu sehen.

Daraus geht hervor, daß die Pariser das Märchen vom südlichen Paris nicht etwa erfunden haben, um das Ausland zu verblüffen. Im Gegenteil, der Ausländer hat das Recht, bei zehn Grad Kälte am warmen Kamin zu bleiben. Doch ist er dann freilich von der Gemeinschaft ausgeschlossen. Womöglich hält er dies drei Tage aus. Dann sitzt auch er im Luxembourg – ohne Mantel, ohne Hut, auf einem unbequemen eisernen Stuhl, umgeben von Schnee und Eis oder von Matsch, aus dem einige steckengebliebene Damenschuhe ragen.

Wenn er auch schrecklich friert, so hat er dabei doch die Gewißheit, daß eine Zusammenballung von Häusern noch lange keine Stadt ausmacht. Legenden her! Bürgersinn heißt nichts anderes, als daß alle an dieselben Legenden glauben. Mit anderen Worten: auf welchem Breitengrad eine Stadt liegt, ist nicht so wichtig wie die Überzeugung, daß sie in jeder Jahreszeit richtig liegt – denn der Glaube versetzt nicht nur Berge, sondern ganze Städte.

Hierin steckt eine große Chance: gebt mir heute eine kräftige Legende, die morgen schon geglaubt wird. Und übermorgen liegt Hamburg in den Tropen. J. M.-M.