Kürzlich konnte man in den Schaukästen einer Schweizer Großbank die Erzeugnisse einer bekannten Uhrenfabrik bewundern. In einer besonderen Auslage waren zudem sechs Photos ausgestellt: drei Bilder berühmter Männer, mit freundlicher Widmung versehen, und die Anerkennungsschreiben dieser drei Größen der Kunst. Die moderne Werbung bedient sich aller verfügbaren Mittel, auch der Reklame mit dem Zauber großer Namen. Darf sie oder darf sie nicht? Diese Frage möchte unser Artikel zur Diskussion stellen. (Um dem Leser ein langes Rätselraten zu ersparen: die Firma heißt Universal.)

Seine Haut zu Markte tragen darf jeder, zuweilen muß er es, wenn das Vaterland ruft, beispielsweise. Über andere Möglichkeiten, seine Haut zu Markte zu tragen, entscheidet der Ehrenkodex der respektiven Berufsverbände. Ein Ringkämpfer darf es, denn darin besteht ja gerade sein Beruf: Er muß es sogar.

Nur den geistigen Berufen ist es angeblich verwehrt und benommen. Mehr als das tägliche Brot gönnt man ihnen ungern. Mit dem Begriff Kunst verbindet sich automatisch der Begriff Askese. Die Vergeistigung, die man an ihnen so gern lobt, kommt – so will man es – von Unterernährung und Schlafmangel; sie äußert sich in krankhafter Blässe und in ausgemergelten Wangen.

Die Ausnahmen sind nicht abzuleugnen, es gibt sie. Die kreglen, rotwangigen Dichter und Schriftsteller, sogenannte Erfolgsautoren, die Autobesitzer und Gourmets, die Hauseigentümer und Inhaber von Chemie-Aktien, erfreuen sich eines Rufes, der sich eher auf ihre Geschäftstüchtigkeit gründet als auf ihre geistigen Verdienste. Mißgunst ist es nicht, bewahre, was man ihnen gegenüber empfindet, es ist ein Gemisch aus Staunen über soviel Gerissenheit und Mitleid mit ihrem heruntergekommenen, profanierten Genius. Bescheiden, arm und mäßig hat der Künstler zu sein, und was darüber ist, das ist vom Übel.

Was aber, wenn einer aus der Reihe tanzt? Da hat Carl Zuckmayer vor einiger Zeit bei manchen kulturbewußten Mimosen Ärgernis erregt, weil er sich mit einer Schreibmaschine (oder war’s ein Tonbandgerät?) photographieren ließ, einem Geschenk der Firma, die solche Geräte herstellt und sich von dem Bild, das Dichter und Schreibmaschine (oder Tonbandgerät) traulich vereint zeigte, einen Reklameschlager versprach. Das Anstößige dabei war, daß der Koryphäe Zuckmayer sich für eine Reklame hergab, die – angeblich – bisher nicht üblich oder sogar verpönt war. Zuckmayer hat sich lächelnd über diese tantenbiederen Anwürfe hinweggesetzt. Er wußte: die Großen dieser Erde tragen Rolex. So trägt jeder das Seine. Warum sollte er sich schämen, eine (hoffentlich gute) Schreibmaschine zu empfehlen? Was Yehudi Menuhin recht war, konnte ihm billig sein, nicht wahr?

Von einem gewissen Grad der Berühmtheit an darf also der Mensch nur noch anonyme oder markenfreie Kopfwehmittel schlucken? Nur noch auf namenlosen Flügeln Mozart spielen? Wo hört die Gemütlichkeit auf, und wo beginnt der Skandal? Ich für meinen Teil würde mich unbedenklich zu Bally-Schuhen bekennen, ich würde ohne jeden Skrupel dazu stehen, daß ich eine geschenkte Parker-Feder benutze oder auf einer IBM-Maschine tippe, die ich nicht hätte bezahlen müssen. Hinter einer hypersensitiven Moral steckt doch meistens ein erkleckliches Stück Futterneid oder wie man’s nun nennen will, Mißgunst jedenfalls, Ärger darüber, daß ein anderer fixer oder einfach glücklicher gewesen ist.

Was ändert es an Menuhins Künstlertum, wenn er eine Rolex besitzt und sie sichtbar, auf einem Photo klar erkenntlich, zur Schau trägt? Deswegen bleibt er dennoch ein Großer dieser Erde. Schreibt Zuckmayer besser oder schlechter auf der inkriminierten Maschine? Das allein dürfte seine Tadler beunruhigen.