Von F. J. Weale

Wenn Minister oder Repräsentanten internationaler Organisationen auf Rednertribünen steigen, dann pflegen sie heute zu dem vieldebattierten, darum aber durchaus nicht populären Thema der Entwicklungshilfe einige abgegriffene Phrasen zu wiederholen. In einer solchen Organisation, die auf den mystischen Namen Uncast (United Nations Conference on the Application of Science and Technology) hört, legten in diesen Tagen 1500 Sachverständige aus rund 90 Ländern 1837 Vorschläge über die Anwendung technischen Wissens in der Entwicklungshilfe vor.

In anderen ähnlichen „Klubs“ wird viel über die Finanzierung der Hilfe, über die Notwendigkeit einer Weltwirtschaftskonferenz, den Abschluß von Abkommen über Produktions- und Preisstabilisierung für Rohstoffe und ähnliche Themen für Universitätsseminare gesprochen. Immerhin haben jedoch einige Wahrheitsfanatiker unter Benutzung von Statistiken des GATT zu sagen gewagt, daß die dreieinhalb bis vier Millionen Dollar, die gegenwärtig vom Westen für Entwicklungshilfe ausgegeben werden, nur der Gegenwert für die Verluste sind, welche die Entwicklungsländer als Produzenten und Exporteure von Rohstoffen erleiden.

Zyniker könnten also behaupten, die Entwicklungsländer hätten keinen Verlust erlitten. Sie übersehen dabei allerdings, daß die Hilfsgelder meist als Kredite gegeben werden, die Zinsen kosten. Ihre Empfänger werden bei den schon in den nächsten Jahren fällig werdenden Amortisationen und Zinsleistungen ein Moratorium verlangen oder aber sich um weitere Hilfe an den Internationalen Währungsfonds wenden müssen.

Wo liegen die wahren Gründe für eine verfehlte Politik der Entwicklungshilfe?

Vielleicht hätte es nicht zu den Mißerfolgen kommen müssen, hätte man in den Vereinigten Staaten den Mut zur Wahrheit aufgebracht, daß Entwicklungshilfe nicht gleichzeitig als Geschäft und als egoistische Rohstoffpolitik betrieben werden sollte und daß diese Politik in schroffem Gegensatz zu den lautstark verkündeten Grundsätzen eines liberalen Welthandels steht. Darf man daran erinnern, daß die Vereinigten Staaten die Entdeckung gemacht haben, wie man Entwicklungshilfe zur Ankurbelung der eigenen Konjunktur verwenden kann? Hat man nicht in Washington die Bedingung erfunden (die dann von anderen Ländern übernommen wurde), Kredite und andere Hilfe vom Bezug amerikanischer Waren und von der Benutzung amerikanischer Schiffe abhängig zu machen?

Die Vereinigten Staaten haben bis zum November 1962 jede Teilnahme an internationalen Abkommen über Rohstoffe abgelehnt – mit einer Ausnahme, dem Weizenabkommen. Das Erste Internationale Weizenabkommen entspring amerikanischer Initiative. Man weiß heute, warum. Weizen ist nicht nur ein amerikanisches Überschußprodukt, er ist auch ein eminent politischer Rohstoff. Es sind jetzt fünf Jahre her, daß der sowjetrussische Ministerpräsident erklärte, er werde die Vereinigten Staaten nicht im Atomkrieg, sondern auf den sibirischen und ukrainischen Weizenfeldern und auf den internationalen Märkten schlagen. Er hat den Weizenkrieg verloren.