Von Walter Boehlich

Wolfgang Schwerbrock hat die öffentlichkeit im vergangenen Herbst mit zwei Büchern „überrascht; überrascht im wahren Sinne, denn niemand hätte von ihm eine Geschichte der deutschen Literatur, niemand eine kommentierte Ausgabe bisher in Deutschland unbekannter Briefe von Karl Marx erwartet. Noch“ keinem war er aufgefallen als Erforscher oder wenigstens Kritiker, sei es der deutschen Literatur vor 1945, sei es des Werkes von Karl Marx.

Nun gibt es Fälle, in denen Talente im Verborgenen blühen und dann mit einer großen Leistung sich vor aller Augen offenbaren. Aber es gibt auch Fälle, in welchen mittlere Begabungen, denen das Verborgene nicht gerade unbekömmlich ist, sich die letzten Sympathien verscherzen, weil sie sich Großes zwar vorgenommen haben, aber höchstens Kleines zu leisten imstande sind.

Gewiß, was eine Sache ist, lernt man erst in der Beschäftigung mit ihr. Man kann nicht alles von Beginn an wissen. Wenn man jedoch am sichtbaren Ende einer Beschäftigung noch immer nichts von seiner Sache weiß, weniger von ihr weiß, als ein müßiger Liebhaber derselben, dann hat man verspielt. Weil man den Beweis erbracht hat, daß es einem an Gewissen, an Selbstkontrolle, an Einsicht fehlt.

Gottfried Benn, der Erfinder so vieler unkonkreter Sätze, hat einmal sehr konkret gesagt: „Erstens: Erkenne die Lage. Zweitens: Rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen. Drittens: Vollende nicht deine Persönlichkeit, sondern die einzelnen deiner Werke.“

Gegen jeden dieser drei Sätze hat Wolfgang Schwerbrock leichtsinnig verstoßen. Seine Literaturgeschichte, dieses chaotische Puzzle-Spiel eines Dilettanten, wird nur wenig Schaden anrichten, weil man nicht auf sie angewiesen ist. Aber sein Taschenbüchlein über den privaten Karl Marx könnte Schaden anrichten. Es könnte dies schon deswegen, weil die Grundtatsachen der deutschen Literatur in unserem Lande bekannter sind als die Grundtatsachen des Lebens und Wirkens von Karl Marx.

Ablehnung und Unkenntnis des Werkes von Karl Marx hat die Bundesrepublik, notdürftig getarnt als Ablehnung des Kommunismus, fast unverändert aus dem Erbe Hitlers übernommen. Man ist an ihm vorübergegangen, als hätte dieser Mann nicht die geringste Bedeutung für die politische und geistige Geschichte Deutschlands. Ein paar kleine Auswahlen aus seinen Schriften hat man uns bisher geboten, indem man sich offensichtlich dabei beruhigte, daß „die da drüben“ ja schon für die Sache sorgten und sorgen würden.