Die „politischen Witwen” von Bonn – 2. Kapitel: Gleich wird ein Blaustrumpf draus

Von Walter Gong

Bonn: 20 Uhr. Stunde der Abenderholung. Wenn der brave Bürger Feierabend macht, dann tun das viele der Männer noch lange nicht, die des Volkes oder der Obrigkeit Wille hineingestellt hat in eine von Politik und Verwaltung verzehrte Stadt. Und nun gehen ihre Familienuhren falsch.

Bonn ist – dies sei allen Provinz-Skeptikern und „Für – unser – schönes – Steuergeld-“ Schreiern gesagt – eine schwer arbeitende Stadt. Ich habe andere gesehen, in denen Politik gemacht wird, Washington, Paris, London – dort wird mehr oder weniger intensiv gearbeitet, in Bonn aber wird geschuftet. Manchem Bundesbeamten sind die Akten auf dem Nachttisch vertraut.

Dieses Regierungs-Bonn hat es aus irgendeinem Grunde an sich, unpünktlich zu sein. Die Termine verschieben sich stets, die Konferenzen dehnen sich aus, man kommt ein bißchen hier zu spät und ein bißchen dort, die Verspätungen addieren sich – am Schluß bleibt ein Zeitdefizit, das die werktätige Bundesameise kaum noch ausgleichen kann. Deshalb sind unsere höheren Beamten und die aktiven Politiker so „überfordert“. In Bonn wird gehetzt und gejagt, als habe man ein weltweites Kolonialreich zu verwalten.

Sie warten jeden Tag

Vielleicht wird man sagen: die Entfernungen sind schuld; in und um Bonn liegen die Regierungsbehörden weit verstreut, man verbringt unverhältnismäßig viel Zeit damit, eine Besprechung hier und eine Besprechung dort wahrzunehmen. Richtig – und doch nicht ausreichend. Denn auch in Washington sind die Ministerien nicht Brust an Brust aufmarschiert. Man fährt etwa vom State Department zum Verteidigungsministerium im Pentagon 20 Minuten (allerdings über phantastische Autostraßen), und der Weg von diesem zum „Hill“, wo der Kongreß tagt, ist noch viel länger. Das allein kann es also nicht sein.