Von Martin Wieland

London, Anfang März

Als der neue Führer der britischen Opposition sich zum erstenmal im Unterhaus erhob, gratulierte ihm Macmillan mit charakteristischbarocker und boshafter Höflichkeit: „Der sehr ehrenwerte Gentleman wird es mir nicht übelnehmen, wenn ich meine Hoffnung ausdrücke, daß er sich des hohen Amtes des Oppositionsführers viele Jahre erfreuen möge.“ Gelächter der Konservativen. Wilson, der sich nie gescheut hatte, den Premierminister mit blankem Witz anzugreifen, bedankte sich gravitätisch und bemerkte: „Ich will den Platz nur lange genug innehaben, um ihn für den Premier gemütlich warm zu machen.“ Gelächter der Opposition. Wer aber wird zuletzt lachen, bei den nächsten Wahlen?

Wilson trat sein neues Amt an, als die Labourpartei nach den Meinungsumfragen um 14 % vor den Tories im Vorsprung lag. Selbst wenn er die Hälfte dieses Vorsprungs verliert, würde er aus den nächsten Wahlen noch immer als überlegener Sieger hervorgehen. Aber er hat in den ersten drei Wochen nichts von dem Vorsprung eingebüßt.

Sein erstes, unzweifelhaft kluges Manöver, war die Bildung seines Schattenkabinetts. Richard Crossmann, den manche im Zusammenhang mit Wilsons Wahl den „Königsmacher“ nennen, gab er den Posten des Schatten-Wissenschaftsministers. Aber das war die einzige Konzession an seine Freunde vom linken Flügel. Sonst gingen alle wichtigen Posten an Männer des rechten Flügels, die bestimmt für George Brown gestimmt hatten und nicht für ihn. Patrick Gordon Walker, Gaitskells enger Freund, wurde Schatten-Außenminister – ein gemäßigter Mann von lauterem Charakter, der sich Parteiintrigen immer fern gehalten hat. Dennis Healey, auch er ein Mann des rechten Flügels, wurde Schatten-Verteidigungsminister. Callaghan, einer der zwei durchgefallenen Gegenkandidaten, behielt die Verantwortung für Finanzen.

Andererseits ließ Wilson es bei aller Konzilianz an Härte nicht fehlen. George Brown, der nach seiner Niederlage mit gewohnter, fast rührender Taktlosigkeit öffentlich erklärt hatte, er wolle die Verantwortung für Außenpolitik übernehmen, wurde unerbittlich zur „Oberaufsicht“ über innere Angelegenheiten abgeschoben. Harte Klugheit bewies Wilson auch, als er unmittelbar nach der Bildung seines Schattenkabinetts feststellte, keiner der Ernannten habe ein Anrecht auf den entsprechenden Ministerposten, wenn die Partei zur Macht kommt; es wird sich nachher niemand zu beklagen haben.

In allen seinen Äußerungen gibt sich Wilson massiver, ja klassenkämpferischer, als Gaitskell. Schon bei seinem ersten Erscheinen im Unterhaus als neuer Oppositionsführer frohlockten die Konservativen, weil sie ihm die Feststellung entlocken konnten, daß „Clause 4“ (der Artikel der Parteisatzung über die Verstaatlichung aller Produktionsmittel) die Billigung der Partei habe. lain Macleod Partei-Vorsitzender der Tories, jagte daraufhin ein Propaganda-Pamphlet durch die Druckerpresse, das schon wenige Tage später unter dem Titel„Entitled to Know“ erschien: Die Bevölkerung sei „berechtigt zu wissen“, daß die Labour- Partei keineswegs nur, wie angekündigt, den Straßentransport verstaatlichen und die Stahlindustrie wieder verstaatlichen wolle, sondern daß im Falle eines Labour- Sieges weit über hundert große und kleine Konzerne der Sozialisierungswut zum Opfer fallen würden.