Seitdem die letzten sechsprozentigen Anleihen weit überzeichnet wurden und in großen Teilen ins Ausland abgewandert sind (was der Bundesbank einige Kopfschmerzen bereitet), wollen in den Börsensälen die Gerüchte über eine bevorstehende Zinssenkung nicht verstummen. Daran können auch die wiederholten Hinweise, die Zeit sei für einen solchen Schritt noch längst nicht reif, kaum etwas ändern. Der Markt orientiert sich eben nicht an dem, was offizielle Stellen – sorgsam abgewogen – zum Ausdruck bringen. Er macht sich sein eigenes Bild. An der Börse weiß man, daß so diffizile Änderungen wie eine Zinssenkung nicht lange vorher angekündigt werden dürfen. Deshalb stört man sich auch nicht an den Feststellungen, daß vorerst kein Wechsel des Zinssatzes beabsichtigt sei. Tatsache ist, daß die Spekulation auf den 5 3/4 prozentigen Anleihetyp im vollen Gange ist, d. h. sechsprozentige Emissionen werden heute bereits über pari gehandelt.

Nicht allen Banken wäre bei einerZinssenkung ganz wohl. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre und den wiederholten mißglückten Anläufen auf einen „Landeszinsfuß“ von 5 % fürchtet man sich begreiflicherweise vor einem neuen Fehlschlag. Andererseits das wird man zugeben müssen – wäre es vor allem für die deutsche Industrie äußerst vorteilhaft, wenn sie sich billiger als bisher verschulden könnte. Im internationalen Wettbewerb spielt jede Senkung der Kostenposition eine bedeutende Rolle. Die Entscheidung über den Zins dürfte endgültig in April fallen. Vorher sind größere Emissionen auch kaum mehr zu erwarten.

Wenn sich die Zinsspekulation nicht im vollen Rampenlicht der Börse abspielte, dann lag es in dem RWE-Bezugsrecht, das alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Ausgabe junger RWE-Aktien stellte die zweite namhafte Kapitalerhöhung dieses Jahres dar. Nachdem das MAN-Bezugsrecht Anfang Januar zu starken Kursverlusten bei den MAN-Aktien geführt hatte, sah man den RWE-Transaktionen mit gemischten Gefühlen entgegen. Allerdings zu Unrecht, denn insgesamt ist das RWE-Bezugsrecht glatter über die Bühne gegangen, als die Pessimisten angenommen halten. Das ist nicht nur der guten Beurteilung der RWE-Aktien zu verdanken, sondern zu einen Teil sicherlich auch der ausgezeichneten Vorbereitung, die vor allem darin zu sehen ist, daß der Börseneinführungsprospekt schon vor dem Bezugsrechthandel veröffentlicht wurde, also niemand die Katze im Sack zu kaufen brauchte. Leider steht diese Aktualität noch allein da. Meist vergehen Monate, ehe nach dem Bezugsrechthandel ein Prospekt publiziert wird, eine Unsitte, mit der nun endlich aufgeräumt werden sollte.

Versorgungsaktien wie RWE stehen gegenwärtig in hohem Ansehen. Investment-Fonds bemühen sich ebenso um sie wie die übrigen Großanleger. Tatsächlich ist bei ihnen das wirtschaftliche Risiko gering, so daß man hier die relativ geringe Rendite ruhig in Kauf nehmen kann. Das mögliche Risiko fällt bei der Auswahl der Papiere heutzutage schwerer ins Gewicht als eine gute Rendite, wie man auf dem Montanmarkt überdeutlich feststellen kann. Immerhin scheinen die Kurse der Eisen- und Stahlaktien einen gewissen Tiefpunkt erreicht zu haben, denn seit etwa zwei Wochen ist bei ihnen keine nennenswerte Verschlechterung mehr zu verzeichnen gewesen. Das ist für die Montanaktionäre sicherlich nur ein schwacher Trost, zumal ihnen niemand sagen kann, wann es auf diesem Marktgebiet wieder aufwärtsgehen wird. Aus den Angaben, die zur Vorlage der Thyssen-Bilanz gemacht wurden, konnte man nicht viel Positives schließen.

Leider müssen wohl vorerst auch die Hoffnungen begraben werden, die man sich auf verstärkte Käufe ausländischer Anleger gemacht hatte. Die Impulse aus den USA sind ausgeblieben. Dort hat man eigene Sorgen. Statt einer Fortsetzung der Hausse ist es in Wall Street zu einem empfindlichen Rückschlag gekommen. Präsident Kennedy hat eine neue Recession angekündigt für den Fall, daß man sein Steuerprogramm nicht Wirklichkeit werden läßt. Allein schon das Wort „Recession“ hat genügt, um Aktienverkäufe herauszulocken.

Überdies darf man nicht verkennen, daß die Brüsseler EWG-Spannungen in den USA zu Verwirrungen geführt haben. Man hat dort mit dem Beitritt Englands zur EWG fest gerechnet und an diesen Schritt zahlreiche Überlegungen wirtschaftlicher Art geknüpft, die nun hinfällig geworden sind. Jetzt muß man umdenken – und das braucht Zeit, zumal dabei ein gewisses Gefühl der Verärgerung zu überwinden ist.

Daß der Wirtschaftsbericht der Bundesregierung dem Aktienmarkt Anregungen vermitteln würde, hat niemand erwartet. Was er festgestellt hat, war der Börse nicht neu. Angesichts früherer Erfahrungen hat man berechtigte Zweifel, ob aus den im Wirtschaftsbericht ten Feststellungen die richtigen Konsequenzen gezogen werden. Dies um so mehr, als man schon seit langem eine konsequente Wirtschaftspolitik vermißt und mit ihr im Hinblick auf die Auseinandersetzungen innerhalb der Bundesregierung in absehbarer Zeit auch nicht rechnet.