Von Manfred Sack

Es geschah etwas äußerst Ungewöhnliches. Wo es nach dem Brauch der Branche kräftig verlockte, mit rührender Musik alles noch ein bißchen trauriger zu machen, war nichts zu hören als die Stimme des Reporters und Originalgeräusche: Flüstern, Stöhnen, ein singendes Kind, Schlurfen, Knarren, Seufzen. Die Fernsehreportage zeigte Ordensschwestern bei ihrer Arbeit in Kalkutta. Man sah, wie sie Gebrechliche, Kranke, Sterbende auf der Straße auflasen und sich bemühten, ihre Leiden zu lindern; wie sie Kinder vor Einsamkeit und Hunger bewahrten; man sah Elend, Schmutz, Tod. So packend das war, so sicher ist, daß ein Musikschleier im Hintergrund das Dokument verniedlicht, wenn nicht zerstört hätte. Daß Musik als Zutat fehlte – das war ungewöhnlich.

Wie es sonst nach alter Wochenschaumanier zugeht, war ein paar Tage vorher zu sehen. Zu einem vorzüglich geschnittenen Filmbericht über Berlin in den vergangenen achtzehn Jahren war folgendes Potpourri zu vernehmen: Beethoven (selbstverständlich "die Fünfte"), Richard Wagner, Barockes, ein Stückchen Marche funèbre, Barockes, Cellokonzert, Marche funèbre, Barockes – ein hektisch angerichteter Schnittsalat, der, als Salat, ungenießbar wäre. Jedoch, das Ohr frißt alles.

Die Leute in der akustischen Mixküche werden entgegnen, diese Musikmischung habe zur Verdichtung der Atmosphäre gedient – vielleicht so: Wenn ein Bürgermeister beerdigt wird, dann wird’s erst richtig traurig, wenn man den Trauermarsch dazu vernimmt.

Mag sein, daß die Originalgeräusche fehlten, daß sie im Archiv nicht so schnell gefunden werden wie die Schicksalsbummer. Daß die Untermalung überhaupt hätte fehlen können, darauf ist offenbar niemand gekommen. Wie sagt man? Das mit der Musik sei halt so Usus. Sagen wir besser: Es ist eine dumme Angewohnheit aus Stummfilmtagen.

Unterdessen geht das planlose Vergeuden von Musik fröhlich weiter. Schon gibt es kaum noch einen Sportbericht im Fernsehen, der sich nicht der Musik als Hilfskraft versicherte. Statt den Skilangläufer an sich vorbeikeuchen zu hören, vernimmt der Zuschauer Papa Bue’s Viking Jazzband, und manchmal ist es recht komisch, wenn der Abfahrtsläufer auf den Wellen, des Dreivierteltaktes heruntergegeigt wird oder Eishockeyspieler auf einem Tonteppich aus alten Boogie-Woogie-Weisen hin- und herjagen.

Welch ein gedankenloser, routinierter Unfug wird hier mit Musik getrieben. Ist es einerseits das Bedürfnis, mit vorhandener Musik Reportagen zu dramatisieren – dazu braucht man weder von Musik noch von Dramaturgie etwas zu verstehen – so ist es wohl andererseits, das Zwangsgefühl, es müßten ohn’ Unterlaß alle technischen Möglichkeiten, die das Fernsehen erlaubt, auch voll ausgenutzt werden. Und zugleich spekuliert man unabsichtlich oder absichtlich darauf, daß unter-malende Musik ohnehin nicht bewußt wahrgenommen werde. "Ich weiß ein schönes Spiel", lautet es in "Alice im Wunderland", "ich. mal mir einen Bart und halt mir einen Fächer vor, daß niemand ihn gewahrt."