Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ Mit diesen Worten beginnt das von Marx und Engels im Februar 1848 veröffentlichte kommunistische Manifest. „Ein großes Gespenst, das Gespenst des sogenannten Dogmatismus, das Gespenst des wahren Marxismus-Leninismus, geht in der ganzen Welt um“, erklärte jetzt die Pekinger Volkszeitung in ihrer Polemik gegen Moskau. In der vergangenen Woche ist diese Polemik von Tag zu Tag massiver geworden. An die Stelle schwer verständlicher ideologischer Argumente sind dabei mehr und mehr harte politische Vorwürfe und beißende Ironie getreten.

Der eine Stoß der Chinesen zielt auf Moskaus Vorherrschaftsanspruch in der kommunistischen Welt. Peking vergleicht die sowjetische Führung mit einem „Taktstock“, dem die moskauhörigen KP-Führer blindlings folgen: „Was jemand anders sagt, das sprechen sie nach. Ein anderer macht einen Schritt, sie folgen. So zeigt sich mehr ihre Fähigkeit, wie ein Papagei zu sprechen, aber es mangelt ihnen an den Prinzipien des Marxismus-Lenismus.“ Solche absolute Unterwerfung unter den Taktstock entspreche indes nicht den normalen Beziehungen der Unabhängigkeit und Gleichberechtigung; sie entspreche vielmehr „feudalen und patriarchalischen Beziehungen“.

Wie die Jugoslawen im Jahre 1958, klagen nun auch die chinesischen Kommunisten über die Methoden der Sowjets. „Sie reden davon, man dürfe nicht die ideologischen Meinungsverschiedenheiten unter den Bruderpartien auf wirtschaftliche und staatliche Beziehungen ausdehnen, aber sie selbst haben willkürlich unzählige mit den Bruderstaaten abgeschlossene Verträge über wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit zerrissen und brechen praktisch sogar die diplomatischen Beziehungen mit einem Bruderstaat ab.“

Der zweite Stoß Pekings zielt auf Moskaus Ängstlichkeit. Chinas Presse hat die wichtigsten sowjetischen Artikel und Erklärungen veröffentlicht, in denen Maos Standpunkt angegriffen worden war; in der Sowjetunion und den Ostblockstaaten wird die chinesische Erwiderung aber noch geheimgehalten. Dies nimmt Peking zum Anlaß, der Sowjetunion Furcht vor der Wahrheit vorzuwerfen und die sowjetischen Führer mit „ängstlichen Mäusen“ zu vergleichen:

„Die großartigen Helden, die die ganze Wahrheit des Marxismus-Leninismus auf ihrer Seite zu haben glauben, haben große Angst vor den Artikeln der von ihnen so energisch verurteilten sogenannten Dogmatiker ... Diese Helden wagen es nicht, die Artikel in ihren Zeitungen und Zeitschriften zu veröffentlichen. Sie sind so ängstlich wie Mäuse, zu Tode erschrocken ... Wir veröffentlichen im Wortlaut alle ihre Meisterwerke, in denen sie uns beschimpfen. Dann antworten wir ihnen Punkt für Punkt... Sie, Meister des modernen Revisionismus, wagen Sie es, das gleiche zu tun? Wenn Sie Leute von Charakter wären, würden Sie es wagen. Aber mit Ihrem schlechten Gewissen und da Sie im Unrecht sind, da Sie nur äußerlich hart und streng, in Wirklichkeit aber kleinmütig sind, äußerlich so mutig wie ein Stier, innerlich aber so ängstlich wie Mäuse, werden Sie das nicht wagen. Wir wissen, daß Sie es nicht wagen werden. Ist das nicht so? Bitte antworten Sie!“

Dies ist in der Tat für eine kommunistische Polemik eine höchst ungewöhnliche Tonart. Schalen des Hohns gießen die Chinesen auch über den sowjetischen Staatschef aus. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, da Alexej Adshubej, Chruschtschows Schwiegersohn und Chefredakteur des Regierungsblattes Iswestja, den Papst besuchte, erklärte Peking mit deutlicher Anspielung auf den Kremlherrn: „Es gibt auch Leute, die sich wütend gegen das wenden, was sie Dogmatismus nennen, selbst aber eine Vorliebe für biblische Dogmen haben. Sie haben den Kopf voller biblischer Dogmen, während man vom Marxismus-Leninismus keine Spur findet.“

Sogar weit zurückliegende historische Ereignisse werden jetzt in die sowjetisch-chinesische Auseinandersetzung einbezogen. Am vorigen Wochenende veröffentlichte die Pekinger Volkszeitung einen Beitrag, in dem die ungleichen Verträge aufgezählt sind, die dem kaiserlichen China im neunzehnten Jahrhundert aufgezwungen wurden. Dabei werden auch die ungleichen Verträge erwähnt, die das zaristische Rußland dem damaligen China oktroyierte – nämlich die Verträge von Aigun (1858) und Peking (1860), in denen Peking große Gebiete in Sibirien und dem Fernen Osten an Rußland abtreten mußte (heute befinden sich dort zum Beispiel die sowjetischen Industriezentren Komsomolsk und Chabarowsk). Die Volkszeitung erwähnte auch den Vertrag von Ili (1881), der zur Abtretung wichtiger Teile Chinesisch-Turkestans führte: sie gehören jetzt zu den mittelasiatischen Republiken der Sowjetunion. Die im Vertrag von Ili festgelegte Grenze wird auf chinesischen geographischen Karten als vorläufige, nicht aber als endgültige Grenze angegeben – genau in derselben Weise wie jener Teil der chinesisch-indischen Grenze, den Peking als „strittig“ ansieht.