Die Kälte ist vorbei, aber den Winter werden wir noch lange spüren. Seine Schäden reichen von aufgerissenen Straßen bis zur erfrorenen Wintersaat, von Mindereinnahmen der öffentlichen Hand bis zu den Mehrausgaben der Hausfrauen, die aller Voraussicht nach auch im nun beginnenden Frühjahr für die Lebenshaltung werden mehr aufwenden müssen, als einkalkuliert ist.

Die erste Branche, die den Versuch unternommen hat, die Verluste dieses Winters in Zahlen auszudrücken, ist die Bauwirtschaft; 52 Mill. Tagewerke sind von November bis Ende Februar im Bauhauptgewerbe ausgefallen. Bis Eide März werden es voraussichtlich 55 oder mehr Mill. werden, weil die tiefgefrorenen Böden, die tagsüber aufgeweichten Zugangswege und frostbedingte Engpässe bei den Zulieferanten (Kes, Bimssteine) eine schnelle Wiederaufnahme der Bautätigkeit erschweren.

Pro Beschäftigten erzielte das Bauhauptgewerbe im Jahre 1962 einen Umsatz von knapp 22 000 DM. Bei etwa 200 produktiven Arbeitstagen im Jahr waren das also pro Tagewerk 110 DM. Multipliziert man diesen Umsatz pro Tagewerk mit der Summe der in diesem Jahr voraussichtlich ausgefallenen 55 Mill. Tagewerke, so ergibt das einen Umsatzausfall von 5 bis 6 Mrd. DM.

Bei einem Gewinnanteil von 5 % am Umsatz wären damit allein dem Bauhauptgeweibe Gewinne in Höhe von 250 Mill. DM entgangen. Dazu kommen die weiterlaufenden fixen Kosten, die Abschreibungen, die Zinsverluste, die Gehälter für die Angestellten, die Entgelte für etwa 125 000 weiterbeschäftigte, aber nicht produktiv eingesetzte Poliere, Platzarbeiter, Vorarbeiter, Schachtmeister, Maschinen- und Baggerführer sowie Lehrlinge, so daß nach Schätzungen der zuständigen Verbände den Unternehmern rd. 2 Mrd. DM Gesamtverluste entstanden sein dürften.

Auch den in der Bauwirtschaft beschäftigten Arbeitnehmern hat der harte Winter Opfer abgefordert. Die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung veranschlagt die Summe der in diesem Winter an die Bauarbeiter gezahlten Schlechtwettergelder mit 880 Mill. DM. Das sind 140 % mehr als die im Etat für diesen Zweck vorgesehenen 370 Mill. DM. Bei 55 Mill. ausgefallenen Tagewerken wären also pro Schlechtwettertag 16 DM (880 : 55) an jeden Bauarbeiter gezahlt worden. Das sind etwa zwei Drittel der statistisch ausgewiesenen Nettoverdienste. Die Bauarbeiter haben summa summarum einen Bruttoverdienstausfall, von fast 900 Mill. DM hinnehmen müssen. Netto dürften es rd. 700 Mill. DM gewesen sein.

Der Dritte im Bunde und wahrscheinlich Hauptleidtragende dieses Winters dürften die Bauherren sein. Die Baupreise sind in den vergangenen Jahren anscheinend unaufhaltsam gestiegen. Ende 1962 lagen sie um 35 % über denen des Jahres 1958. Bei einem Überhang von rd. 800 000 nicht fertiggestellten Wohnungen wird die Zusammenballung der Bautätigkeit auf eine noch kürzere Saison mit Sicherheit für einen abermaligen kräftigen Preisanstieg sorgen, es sei denn, die Bundesregierung könnte sich zu sehr drastischen Maßnahmen entschließen. Betroffen sind dabei insbesondere diejenigen, die in diesem Herbst ihren Eigenheimbau begonnen haben, und die nun als Folge der durch den Frost verlängerten Bauzeit zusätzlichen Zins-, Tilgungs- und Mietkosten in Kauf nehmen müssen.

Rote Zahlen meldet neben der Bauwirtschaft naturgemäß vor allem die Binnenschiffahrt, deren 7 500 Schiff großenteils stillgelegt waren, und zwar nicht nur infolge des Frostes, sondern vorher und gleichzeitig durch den niedrigen Wasserstand. Rund 50 000 Binnenschiffer sind auf diese Weise zu einem Zwangsurlaub von vielen Wochen gezwungen worden; die Verluste werden hier mit mehreren Mill. täglich angegeben und dürften sich folglich insgesamt wohl auf etliche Hundert Mill. belaufen. Dabei sind in ihrer Existenz hart bedroht vor allem die Partikuliere, also die selbständigen Schiffer.