Ist die Presse an allem schuld?

Von Marion Gräfin Dönhoff

Ob man wohl in anderen Ländern auch so häufig den für den eigentlich Schuldigen hält, der das Unrecht beim Namen nennt, nicht aber den, der das Unrecht beging? Wie oft, wenn wir Hitlers Untaten oder das Weiterwirken seiner einstigen Handlanger anprangern, bekommen wir Briefe, die anklagend fragen, warum wir denn "das eigene Nest beschmutzen" – als ob nicht die Nazis das eigene Nest beschmutzten, sondern die, die heute darüber berichten! Manche Leute glauben merkwürdigerweise, Verbrechen, Mißgriffe und Korruption seien dem Staat und der Gesellschaft nur dann, abträglich, wenn sie bekannt würden.

Der SPD-Abgeordnete Adolf Arndt meint, die gegen die SPD "entfachte Hetze" erinnere an die schlimmsten Zeiten der Weimarer Republik. Entfachte Hetze? Da hatte sein Fraktionskollege Jahn ein als geheim bezeichnetes Protokoll des Verteidigungsausschusses heimlich an den SPIEGEL weitergeleitet, also die Gesetze des Parlaments gebrochen, Arndt aber, der Rechtsexperte der Partei, findet Tadel nur für diejenigen, die sich mit Recht darüber erregen.

Augenblicklich ist wieder einmal die Presse an allem schuld. Der Bundeskanzler, der neulich erklärte, seine "irrtümliche" Behauptung, die Engländer wollten gar nicht mehr in die EWG, habe er der Presse entnommen, sagte am vergangenen Sonntag in Oldenburg: "Wenn Sie etwas von mir in der Presse lesen (er meinte vermutlich "über mich" und nicht "von mir"), so sind 50 Prozent davon bestimmt Schwindel!" Man stelle sich bitte einmal vor, die holländische Königin oder der englische Premierminister würden ihrer Presse gegenüber solche Beschuldigungen erheben: nicht auszudenken!

Der geschäftsführende Bundesvorsitzende der CDU, Dufhues, hat kürzlich vor Journalisten in Hannover seiner "geheimen Sorge" über den Einfluß der Gruppe 47 Ausdruck verliehen. Die dauernde Beeinflussung des Programms der Rundfunkanstalten könne nicht hingenommen werden. Man müsse der Sache einmal "nachgehen", meinte er vielsagend.

Oberst Schall von der Bundeswehr, der vor ein paar Tagen vor der Bundeswehr in Zürich einen Vortrag gehalten hat, habe, so schrieb eine Schweizer Zeitung, sich "mit einem Unterton von Bitterkeit" darüber beklagt, daß das publizistische Leben in der Bundesrepublik weitgehend von Linksintellektuellen beherrscht werde.