Von Aloys Schwietert

Wir hatten uns daran gewöhnt: Jahr fürJahr strömten die Devisen ins Land, Milliardenbeträge. Der deutsche Export brachte sie herein, so sicher und so reichlich, daß wir glaubten, uns über die Einlösung von Zahlungsverpflichtungen in fremder Währung keine Sorgen machen zu müssen; Die Passivsalden der Devisenbilanz von 1959 und 1961 waren „Sonderfälle“ und kosteten ohnehin zusammen nur 4,1 Mrd. DM. Was war das schon gegenüber einem Aktivsaldo von 8 Mrd. DM allein im Jahre 1960? Außerdem blieb selbst 1959 und 1961 die Grundbilanz, d. h. die von Sondertransaktionen bereinigte Bilanz der laufenden Posten und des langfristigen Kapitalverkehrs mit insgesamt 4,2 Mrd. DM aktiv. Die Überschüsse der Leistungsbilanz galten sogar als „strukturell verursacht“ – wie vor allem die Aufwertungsbefürworter nicht müde wurden zu betonen – und konnten damit doch zumindest als einigermaßen dauerhaft angesehen werden.

Das Jahr 1962 hat uns eines anderen belehrt: Trotz aktiver Bilanz im langfristigen Kapitalverkehr (+ 17 Mill. DM) wanderte der Saldo der Grundbilanz auf die linke Seite, war also passiv und zwar in Höhe von rund 1,3 Mrd. DM (siehe Tabelle). Was war geschehen?

Die Überschüsse im Warenhandel mit dem Ausland blieben bereits im ersten Halbjahr 1962 um mehr als 50 % hinter dem Überschuß des gleichen Vorjahreszeitraums zurück. Für das Gesamtjahr 1962 ergab sich eine Verminderung der Exportüberschüsse (gegenüber 1961) um 3139 auf 3476 Mill. DM. Die Ursachen für diese Entwicklung sind bekannt: Rasch steigende Importe und nur noch geringe Zunahmen der Ausfuhren schließen allmählich die Schere zwischen der Ein- und Ausfuhrkurve. Die Devisengewinne aus den Dienstleistungen für fremde Truppen (Stationierungskosten) waren daher im vergangenen Jahr sogar höher als die Überschüsse im Warenhandel. Entscheidend für die Grundbilanz war jedoch die nochmalige Ausweitung des Defizites der kommerziellen Dienstleistungsbilanz um 1368 auf 5326 Mill. DM (im Vorjahr betrug die Zunahme bereits 2198 Mill. DM).

Der Löwenanteil dieses Defizites und seiner Ausweitung entfällt auf den Reiseverkehr. Die zunehmende Reiselust der Bundesrepublikaner „kostete“ allein 1962 rd. 4,6 Mrd. DM (nach 3,5 Mrd. DM im Vorjahr). Da ausländische Besucher bei uns nur etwa 2,2 Mrd. DM (nach 2 Mrd. DM i. V.) ausgaben, schloß die westdeutsche Reisebilanz mit einem Passivsaldo von 2,4 nach rd. 1,5 Mrd. DM (1961). Den letzten Aktivsaldo (487 Mill. DM) buchten wir in dieser Sparte bereits 1957, aber selbst 1960 lag das „Minus“ erst bei 788 Mill. DM.

Es ist nicht zu erwarten, daß der westdeutsche Touristenstrom ins Ausland in diesem Jahr schwächer sein wird, als 1962. Im Gegenteil, die anhaltend rasche Steigerung der Masseneinkommen, die ausgezeichnete Wintersaison sowie die ersten Berichte über bereits erfolgte Buchungen bei den Reisegesellschaften lassen vermuten, daß ein neuer Rekord zu verzeichnen sein wird. Ausfuhrsteigerungen, die über das Vorjahresergebnis hinausgehen, sind dagegen nicht zu erhoffen. Bleiben schließlich die Truppendollars. Aber auch von ihnen dürften, im Zuge der neuen britischen und amerikanischen Maßnahmen, eher weniger als mehr bei uns ausgegeben werden.

Das Fazit ist klar: Die Zeit der Devisenschwemme ist endgültig vorbei, weil sich die laufende Rechnung der Zahlungsbilanz strukturell so verändert hat, daß sie nur bei wieder steigenden Außenhandelsüberschüssen Devisen einbringt. Unsere Kapitalbilanz ist schon normalerweise passiv, so daß für die nächste Zeit durchaus mit stärkeren Rückgriffen auf die Währungsreserven der Bundesbank gerechnet werden muß. Sie betragen allerdings heute immerhin 27,7 Mrd. DM und dürften ausreichen, sogar mehrere Jahre mit defizitären Zahlungsbilanzen zu überbrücken.