Der goldene Westen lockt

Deutsche Naturwissenschaftler: leichte Beute für Talent Jäger aus USA

Die Royal Society, Englands älteste Wissenschafts-Förderungsgesellschaft, veröffentlichte vor kurzem einen Bericht, aus dem hervorgeht, daß die Spitzenkräfte der britischen Naturwissenschaft und Technik in zunehmenden Maße außer Landes gehen, um sich in Amerika niederzulassen. Diese Nachricht, die in Großbritannien große Beunruhigung hervorgerufen hat, fand auch in Deutschland ein lebhaftes Echo. Denn fraglos zieht es auch unsere Akademiker in das Forschungsparadies USA. Freilich steigen ständig die Anforderungen, denen die auswanderungswilligen Wissenschaftler genügen müssen, wenn sie von den Forschungsinstituten in den Staaten, von den Talentjägern der amerikanischen Industrie oder gar von der seit Jahren in Deutschland operierenden US Dienststelle für die Anwerbung höchstqualifizierter Spezialisten engagiert werden wollen. Daher nimmt zwar nicht die Zahl, wohl aber die Qualität der Fachkräfte zu, die unser Land verlassen.

Von Jahr zu Jahr wandern mehr promovierte Naturwissenschaftler und Ingenieure aus Großbritannien nach Amerika aus. Zu dieser Feststellung gelangte die ehrwürdige Royal Society bei ihrer Untersuchung, die sich auf eine Umfrage unter 563 Abteilungsleitern und Professoren an Hochschulen und Forschungsinstituten stützt. Gegenwärtig sind es ungefähr 60 britische Doktoren der naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen, die sich. pro Jahr dazu entschließen, in die USA überzusiedeln. Das ist ein Aderlaß, der die Briten zu Recht beunruhigt, zumal es den Hochschulen, der Industrie, der Atomenergiebehörde und den vielen anderen Instituten an akademischem Nachwuchs fehlt.

In England ist die Aufregung über das Brain Drain groß. Wie steht es nun mit der Abwanderung von Naturwissenschaftlern in der Bundesrepublik? Haben wir ebenfalls Grund zur Besorgnis?

Dieser Frage bin ich in den letzten beiden Wochen nachgegangen, als ich in kleinerem Rahmen die Methode der Royal Society imitierte und bei Institutsleitern Umfrage hielt, als ich die Statistiken des US Immigration and Naturalization Service studierte und Wissenschaftler interviewte, die in Kürze ein neues Leben in Amerika beginnen.

In der Bundesrepublik werden, keine Statistiken über die Auswanderung geführt. Um also festzustellen, wieviel Naturwissenschaftler in die Vereinigten Staaten auswandern, mußten wir die US-Einwanderungsbehörde fragen.

Zu dieser Statistik muß noch ergänzend bemerkt werden, daß in ihr nur folgende Disziplinen erfaßt wurden: Physik, Chemie, Mathematik, Biologie, Geologie und Astronomie. Als Wissenschaftler auf diesen Gebieten wurden lediglich diejenigen Einwanderer registriert, die eine abgeschlossene Hochschulbildung nachweisen konnten und die mit der Absicht, wissenschaftlich zu arbeiten, in die Vereinigten Staaten gekommen sind. Als Professoren gelten in dieser Statistik Wissenschaftler, die eine permanente Stellung als Associate- oder Full-Professor an einer akkreditierten US-Universität antreten.

Der goldene Westen lockt

Was besagen diese Zahlen?

Zunächst einmal fällt der starke Einwanderungs-Rückgang nach 1957 auf. Dieses Absinken ist auf einen Zusatz zum US-Emigrationsgesetz zurückzuführen, der im September 1956 in Kraft trat. Dieses Gesetz, das übrigens auf Bitten mehrerer Staaten – darunter auch der Bundesrepublik – eingebracht wurde, bestimmt, daß Studenten und Professoren, die im Rahmen eines Austauschprogramms die USA besucht haben, nach Rückkehr in ihre Heimat zwei Jahre lang warten müssen, ehe sie ein Auswanderungsvisum beantragen dürfen. Wie man sieht, hat sich diese erzwungene Besinnungszeit bewährt.

Verglichen mit der Zahl der Naturwissenschaft-Studenten, die pro Jahr eine Diplom-, Staats- oder Doktorprüfung ablegen, machen die Amerika-Auswanderer rund fünf Prozent aus. So gesehen ist also der Verlust an Talenten nicht übermäßig groß. Was diese Statistik jedoch nicht verrät, ist die Tatsache, daß es in zunehmendem Maße hochqualifizierte Wissenschaftler sind, die in die Staaten auswandern.

Nach einer Untersuchung der National Science Foundation ist die Auswahl der ausländischen Bewerber für akademische Stellungen sowohl in der Industrie als auch an den Universitäten von Jahr zu Jahr verschärft worden. "Erfahrungen mit Fachkräften aus Übersee und bessere Kenntnis der Ausbildungssysteme in den einzelnen Ländern haben dazu beigetragen, daß das wissenschaftliche Niveau der neu zugewanderten Forscher wesentlich höher ist als noch vor wenigen Jahren", hieß es kürzlich in einem Leitartikel der amerikanischen Zeitschrift "Science". Auch von den Institutsleitern, die wir befragten, erhielten wir die Auskunft, daß es im Gegensatz zu früher jetzt in der Regel die begabten Wissenschaftler sind, die für immer an amerikanische Forschungsstätten gehen.

Bei einer Stichprobe, die ein amerikanisches Generalkonsulat auf unsere Bitte hin unternahm, ergab sich, daß rund 60 Prozent der Naturwissenschaftler, die im vergangenen Jahr ein Auswanderervisum erhielten, den Doktorgrad besaßen. Der Verlust, den unser Land an promovierten Akademikern erleidet, ist demnach im Verhältnis wenigstens ebenso hoch wie der, den die Royal Society für Großbritannien ermittelte!

Auf der Suche nach Genies

Aus jener Stichprobe geht übrigens auch hervor, daß mit einem Ansteigen der Auswandererquote unter den Naturwissenschaftlern zu rechnen ist. Das ist auch nicht verwunderlich, denn seitdem die National Science Foundation kürzlich die Nachricht verbreitet hat, im kommenden Jahrzehnt würden doppelt so viele Naturwissenschaftler und Techniker in den USA gebraucht werden wie die Hochschulen des Landes im gleichen Zeitraum "produzieren" können, ist vor allem die Industrie alarmiert. Sie hat ihre "Talent-Hunters" nach Europa geschickt. Anerkennend vermerkt das "Wall Street Journal", daß einer dieser Talent-Jäger, ein Manager der General Electric, im Verlaufe einer Reise durch zehn europäische Staaten von 175 Wissenschaftlern, mit denen er gesprochen hatte, 45 für seine Gesellschaft gewinnen konnte.

Der goldene Westen lockt

Der weniger aufwendige normale Weg, über die Stellenanzeigen in Zeitungen Naturwissenschaftler und Ingenieure anzuwerben, ist für amerikanische Gesellschaften in Deutschland nicht so ohne weiteres gangbar. Nach einem Gesetz aus dem Jahre 1929 muß nämlich jedes Stellenangebot aus dem Ausland von der Zenfreistehe für Arbeitsvermittlung in Frankfurt genehmigt werden. Der Direktor dieser Vermittlungsstelle versicherte, nur solche Inserate würden abgelehnt, aus denen ersichtlich ist, daß es sich um Abwerbung handelt. Auch Angebote, die dem Bewerber ein übermäßiges Risiko zumuten (zum Beispiel, weil die Firma die transatlantischen Reisekosten nicht tragen will), fänden keine Gnade.

Man kann sich darüber streiten, ob wir eines Amtes bedürfen, das Stellenanzeigen aus dem Ausland kontrolliert. In der Praxis spielt dieses Regulativ bei der Abwanderung von Naturwissenschaftlern nach Amerika keine Rolle. Denn wer an einem US-Forschungsinstitut arbeiten will, wird in amerikanischen Fachzeitschriften, die ein Naturwissenschaftler heute ohnehin lesen muß, genügend verlockende Annoncen finden.

Übrigens sind nicht erst jetzt in Europa die amerikanischen Talentsucher unterwegs. In der Bundesrepublik operiert seit vielen Jahren eine Organisation der US-Regierung, die besonders hochqualifizierte deutsche Physiker und Chemiker an staatliche oder private Forschungslaboratorien in den Vereinigten Staaten vermittelt. Diese Dienststelle, die sich Special Projects nennt, hat ihr Hauptquartier in einem Privathaus in der Fürstenberger Straße in Frankfurt. Sie ist weder im Telephonbuch verzeichnet noch können oder wollen die US-Botschaft in Bonn, das Frankfurter Generalkonsulat oder das US-Trade-Center Auskunft über diese Institution geben. Special Projects ist begreiflicherweise an Publicity nichts gelegen, denn man ist nicht daran interessiert, eine Flut von Bewerbungen zu bearbeiten. Mister Im Obersteg und seine Mitarbeiter ziehen es vor, von sich aus an begabte Naturwissenschaftler heranzutreten.

In Physiker- und Chemikerkreisen hat sich freilich die Existenz dieser Einrichtung längst herumgesprochen. Das war zu erwarten, denn das Verfahren, dessen man sich bedient, um junge Wissenschaftler an geeigneten Instituten unterzubringen, klingt wie ein Märchen. Der auswanderungswillige Wissenschaftler wird mit Familie und Hausrat auf Staatskosten nach Amerika gebracht, dort wochenlang von Institut zu Institut geschickt und obendrein noch recht gut bezahlt. Seine einzige Verpflichtung: Er muß sich zur Mitarbeit an einem der besuchen Laboratorien entschließen. Gegenwärtig sucht Special Projects zwar nur für bestimmte staatliche Institute akademische Fachkräfte, doch hofft man, schon im Juli dieses Jahres wieder mit den "Traumreisen für Genies" beginnen zu können.

Welche Motive stehen hinter dem Entschluß vieler Naturwissenschaftler, Deutschland für immer – oder jedenfalls für unbestimmte Zeit – zu verlassen? Ein Physiker – er möchte, wie übrigens auch alle anderen von mir interviewten akademischen Auswanderer, keinesfalls mit Namen genannt werden! – hat bei der Bell Telephon Company eine Stellung als Forschungsassistent angenommen. Er will Grundlagenforschung auf dem Gebiete der Halbleiterphysik betreiben. "Hätten Sie das nicht hier auch tun können?" frage ich ihn. "Natürlich wäre das auch in Deutschland möglich gewesen", sagt er, "aber bei uns wird zu viel Zeit verplempert. Ich will noch viel lernen, da kann ich es mir nicht leisten, als Assistent am Physikalischen Institut viele Stunden an Tag mit Kontoristenarbeit zu vergeuden. Den Chef bleibt gar nichts anderes übrig, als einen Teil seiner bürokratischen Pflichten an junge Institutsmitglieder zu delegieren – ihm also kann man keinen Vorwurf machen, der trifft vielmehr unsere völlig veraltete Hochschulorganisation."

Bürokratie lähmt die Forschung

Diese Antwort ist typisch. Bevor ich mit den Emigranten gesprochen hatte, war ich davon überzeugt, die bessere Bezahlung, die größeren Aufstiegschancen oder die großzügigere Bereitstellung von Forschungsmitteln in den USA würden mir in erster Linie als Gründe für die Auswanderung genannt werden. Statt dessen hörte ich Klagen über die deutsche Wissenschaftsbürokratie, über das autoritäre Institutssystem, das dem jungen Wissenschaftler keine Entfaltungsmöglichkeit und keine Anerkennung für seine Arbeit bietet. Und ich hörte Klagen über die Rückständigkeit der naturwissenschaftlichen Forschung in der Bundesrepublik und über das Berufungsverfahren.

Der goldene Westen lockt

Ein Dozent erklärte mir: "Früher kamen die Wissenschaftler aus aller Welt nach Göttinger, und nach Heidelberg – jetzt trifft man sich in Cambridge (Massachusetts), Berkeley, Chikago Hartford oder Brookhaven. Das wäre auch ganz in Ordnung, denn Wissenschaft ist schließlich seit jeher international gewesen, wenn wir nur neben dem Fachlichen auch von der amerikanischen Einstellung zur Forschung profitieren wollten. Daß die deutsche Wissenschaft rückständig ist, liegt nicht so sehr am fehlenden Geld –, das dürfte in einem so reichen Lande wohl noch aufzutreiben sein – es liegt vor allem daran, daß es bei uns so gut wie kein Teamwork gibt. Mit einem Forschungsleiter und einem Stab von untergebenen Assistenten kann man die komplexen Probleme der modernen Naturwissenschaften nicht mehr lösen."

Die Kritik des Präsidenten der National Academy of Sciences in Washington, Professor Frederick Seitz, an dem deutschen Forschungsbetrieb scheint durchaus berechtigt zu sein. Seitz, Ordinarius für Physik an der Universität Illinois, schreibt in "Physics Today": "Bei Kriegsende waren die führenden Akademiker in Deutschland vorwiegend ältere Persönlichkeiten, ängstlich bemüht, die politische Einmischung, die sie in der Zeit des Nationalsozialismus erdulden mußten, abzuschütteln. Sie drehten deshalb die Uhr auf die beste Zeit zurück, die sie gekannt hatten, nämlich die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Weder die Universitätslehrer noch die Regierung haben bisher wirksam versucht, den gegenwärtigen Stand der Dinge zu ändern. Das heutige System erlaubt es Deutschland leider nicht, seine ausgebildeten jungen Naturwissenschaftler in Stellungen mit entsprechender Verantwortung und Ansehen unterzubringen. Infolgedessen gehen ständig Naturwissenschaftler an andere westliche Länder, insbesondere an die USA, verloren."

Einer der Befragten, ein Biologe, sieht überhaupt keinen Sinn darin, in Deutschland zu bleiben. Sein Spezialgebiet ist die Virusforschung, "die paßt nicht in unser Schema der Fakultätsaufteilung, dafür gibt es keinen Lehrstuhl, folglich auch kaum eine Arbeitsmöglichkeit", erklärt er mir. Dann kommt er, wie die sieben anderen Auswanderer, darauf zu sprechen, daß Deutschland naturwissenschaftlich ein zweit- oder drittrangiges Land sei. Ein Physiker meint dazu: "In der Kernphysik kann man das ja verstehen; schließlich haben wir eine Zeitlang dabei nicht mitspielen dürfen. Aber da ist zum Beispiel vor knapp fünf Jahren mit der Entdeckung des MASER-Prinzips ein völlig neues Forschungsgebiet eröffnet worden. Es bestand. in Deutschland überhaupt kein Grund dafür, dieses äußerst wichtige Gebiet zu vernachlässigen. Aber genau das ist geschehen. Kürzlich fand in Paris ein Symposium über MASER-Probleme statt. Von den rund 180 Beiträgen zu dieser Konferenz stammten ganze vier von deutschen Forschern. In kleinen Nationen, wie zum Beispiel in Polen oder Schweden, wird wesentlich lebhafter an den modernen physikalischen Problemen gearbeitet als bei uns."

Ein Astronom, der inzwischen bereits nach Amerika abgeflogen ist, meinte: "Ich fahre in die Staaten, um Radioastronomie zu treiben. Ich hätte das auch in Holland, in Frankreich, England oder Italien tun können – aber wenn ich schon auswandere, dann suche ich mir natürlich das Land aus, wo ich außerdem noch am angenehmsten leben kann. Am liebsten wäre ich in Deutschland geblieben, aber für meine Zwecke brauche ich sehr große Antennen, die es bei uns nicht gibt.

Auf die Frage, ob man an eine spätere Rückkehr nach Deutschland denke, erhielt ich nur von einem Dozenten der Physik eine klare Antwort: "Ja, ich rechne damit, genauer gesagt, ich rechne mit einer Berufung. Denn", so fügt er mit einem verschmitzten Lächeln hinzu, "in Kalifornien ist man näher an einem deutschen Lehrstuhl als in Erlangen oder Münster!"

Es ist bedauerlich, daß eine Anzahl junger Leute, in deren wissenschaftliche Ausbildung wir viele Tausende an Steuergeldern investiert haben, ihr Können einem anderen Land zur Verfügung stellen. Dies zu verhindern, hätten wir kein Recht, obwohl unser Land unter dem Mangel an qualifizierten Naturwissenschaftlern leiden muß. Etwas allerdings könnten wir tun: das wissenschaftliche Arbeiten in der Bundesrepublik attraktiver machen, zum Beispiel dadurch, daß auch jungen Menschen mehr Gelegenheit zum selbständigen Forschen gegeben wird, dadurch, daß Wissenschaftler früher in verantwortliche Stellungen kommen, dadurch, daß die Öffentlichkeit mehr davon erfährt, was in den Laboratorien geschieht, daß die längst überfällige Hochschulreform endlich durchgeführt wird, daß wir die militante Instituts-Hierarchie zugunsten des Teamworks aufgeben, die Forscher von den Verwaltungspflichten befreien und unsere Gelehrten besser bezahlen. Es ist gewiß kein Zufall, daß die Max-Planck-Institute, in denen die meisten dieser Forderungen erfüllt sind, so gut wie keine Abwanderung ihrer Mitarbeiter nach Amerika zu verzeichnen haben. Thomas v. Randow