Was besagen diese Zahlen?

Zunächst einmal fällt der starke Einwanderungs-Rückgang nach 1957 auf. Dieses Absinken ist auf einen Zusatz zum US-Emigrationsgesetz zurückzuführen, der im September 1956 in Kraft trat. Dieses Gesetz, das übrigens auf Bitten mehrerer Staaten – darunter auch der Bundesrepublik – eingebracht wurde, bestimmt, daß Studenten und Professoren, die im Rahmen eines Austauschprogramms die USA besucht haben, nach Rückkehr in ihre Heimat zwei Jahre lang warten müssen, ehe sie ein Auswanderungsvisum beantragen dürfen. Wie man sieht, hat sich diese erzwungene Besinnungszeit bewährt.

Verglichen mit der Zahl der Naturwissenschaft-Studenten, die pro Jahr eine Diplom-, Staats- oder Doktorprüfung ablegen, machen die Amerika-Auswanderer rund fünf Prozent aus. So gesehen ist also der Verlust an Talenten nicht übermäßig groß. Was diese Statistik jedoch nicht verrät, ist die Tatsache, daß es in zunehmendem Maße hochqualifizierte Wissenschaftler sind, die in die Staaten auswandern.

Nach einer Untersuchung der National Science Foundation ist die Auswahl der ausländischen Bewerber für akademische Stellungen sowohl in der Industrie als auch an den Universitäten von Jahr zu Jahr verschärft worden. "Erfahrungen mit Fachkräften aus Übersee und bessere Kenntnis der Ausbildungssysteme in den einzelnen Ländern haben dazu beigetragen, daß das wissenschaftliche Niveau der neu zugewanderten Forscher wesentlich höher ist als noch vor wenigen Jahren", hieß es kürzlich in einem Leitartikel der amerikanischen Zeitschrift "Science". Auch von den Institutsleitern, die wir befragten, erhielten wir die Auskunft, daß es im Gegensatz zu früher jetzt in der Regel die begabten Wissenschaftler sind, die für immer an amerikanische Forschungsstätten gehen.

Bei einer Stichprobe, die ein amerikanisches Generalkonsulat auf unsere Bitte hin unternahm, ergab sich, daß rund 60 Prozent der Naturwissenschaftler, die im vergangenen Jahr ein Auswanderervisum erhielten, den Doktorgrad besaßen. Der Verlust, den unser Land an promovierten Akademikern erleidet, ist demnach im Verhältnis wenigstens ebenso hoch wie der, den die Royal Society für Großbritannien ermittelte!

Auf der Suche nach Genies

Aus jener Stichprobe geht übrigens auch hervor, daß mit einem Ansteigen der Auswandererquote unter den Naturwissenschaftlern zu rechnen ist. Das ist auch nicht verwunderlich, denn seitdem die National Science Foundation kürzlich die Nachricht verbreitet hat, im kommenden Jahrzehnt würden doppelt so viele Naturwissenschaftler und Techniker in den USA gebraucht werden wie die Hochschulen des Landes im gleichen Zeitraum "produzieren" können, ist vor allem die Industrie alarmiert. Sie hat ihre "Talent-Hunters" nach Europa geschickt. Anerkennend vermerkt das "Wall Street Journal", daß einer dieser Talent-Jäger, ein Manager der General Electric, im Verlaufe einer Reise durch zehn europäische Staaten von 175 Wissenschaftlern, mit denen er gesprochen hatte, 45 für seine Gesellschaft gewinnen konnte.