Der weniger aufwendige normale Weg, über die Stellenanzeigen in Zeitungen Naturwissenschaftler und Ingenieure anzuwerben, ist für amerikanische Gesellschaften in Deutschland nicht so ohne weiteres gangbar. Nach einem Gesetz aus dem Jahre 1929 muß nämlich jedes Stellenangebot aus dem Ausland von der Zenfreistehe für Arbeitsvermittlung in Frankfurt genehmigt werden. Der Direktor dieser Vermittlungsstelle versicherte, nur solche Inserate würden abgelehnt, aus denen ersichtlich ist, daß es sich um Abwerbung handelt. Auch Angebote, die dem Bewerber ein übermäßiges Risiko zumuten (zum Beispiel, weil die Firma die transatlantischen Reisekosten nicht tragen will), fänden keine Gnade.

Man kann sich darüber streiten, ob wir eines Amtes bedürfen, das Stellenanzeigen aus dem Ausland kontrolliert. In der Praxis spielt dieses Regulativ bei der Abwanderung von Naturwissenschaftlern nach Amerika keine Rolle. Denn wer an einem US-Forschungsinstitut arbeiten will, wird in amerikanischen Fachzeitschriften, die ein Naturwissenschaftler heute ohnehin lesen muß, genügend verlockende Annoncen finden.

Übrigens sind nicht erst jetzt in Europa die amerikanischen Talentsucher unterwegs. In der Bundesrepublik operiert seit vielen Jahren eine Organisation der US-Regierung, die besonders hochqualifizierte deutsche Physiker und Chemiker an staatliche oder private Forschungslaboratorien in den Vereinigten Staaten vermittelt. Diese Dienststelle, die sich Special Projects nennt, hat ihr Hauptquartier in einem Privathaus in der Fürstenberger Straße in Frankfurt. Sie ist weder im Telephonbuch verzeichnet noch können oder wollen die US-Botschaft in Bonn, das Frankfurter Generalkonsulat oder das US-Trade-Center Auskunft über diese Institution geben. Special Projects ist begreiflicherweise an Publicity nichts gelegen, denn man ist nicht daran interessiert, eine Flut von Bewerbungen zu bearbeiten. Mister Im Obersteg und seine Mitarbeiter ziehen es vor, von sich aus an begabte Naturwissenschaftler heranzutreten.

In Physiker- und Chemikerkreisen hat sich freilich die Existenz dieser Einrichtung längst herumgesprochen. Das war zu erwarten, denn das Verfahren, dessen man sich bedient, um junge Wissenschaftler an geeigneten Instituten unterzubringen, klingt wie ein Märchen. Der auswanderungswillige Wissenschaftler wird mit Familie und Hausrat auf Staatskosten nach Amerika gebracht, dort wochenlang von Institut zu Institut geschickt und obendrein noch recht gut bezahlt. Seine einzige Verpflichtung: Er muß sich zur Mitarbeit an einem der besuchen Laboratorien entschließen. Gegenwärtig sucht Special Projects zwar nur für bestimmte staatliche Institute akademische Fachkräfte, doch hofft man, schon im Juli dieses Jahres wieder mit den "Traumreisen für Genies" beginnen zu können.

Welche Motive stehen hinter dem Entschluß vieler Naturwissenschaftler, Deutschland für immer – oder jedenfalls für unbestimmte Zeit – zu verlassen? Ein Physiker – er möchte, wie übrigens auch alle anderen von mir interviewten akademischen Auswanderer, keinesfalls mit Namen genannt werden! – hat bei der Bell Telephon Company eine Stellung als Forschungsassistent angenommen. Er will Grundlagenforschung auf dem Gebiete der Halbleiterphysik betreiben. "Hätten Sie das nicht hier auch tun können?" frage ich ihn. "Natürlich wäre das auch in Deutschland möglich gewesen", sagt er, "aber bei uns wird zu viel Zeit verplempert. Ich will noch viel lernen, da kann ich es mir nicht leisten, als Assistent am Physikalischen Institut viele Stunden an Tag mit Kontoristenarbeit zu vergeuden. Den Chef bleibt gar nichts anderes übrig, als einen Teil seiner bürokratischen Pflichten an junge Institutsmitglieder zu delegieren – ihm also kann man keinen Vorwurf machen, der trifft vielmehr unsere völlig veraltete Hochschulorganisation."

Bürokratie lähmt die Forschung

Diese Antwort ist typisch. Bevor ich mit den Emigranten gesprochen hatte, war ich davon überzeugt, die bessere Bezahlung, die größeren Aufstiegschancen oder die großzügigere Bereitstellung von Forschungsmitteln in den USA würden mir in erster Linie als Gründe für die Auswanderung genannt werden. Statt dessen hörte ich Klagen über die deutsche Wissenschaftsbürokratie, über das autoritäre Institutssystem, das dem jungen Wissenschaftler keine Entfaltungsmöglichkeit und keine Anerkennung für seine Arbeit bietet. Und ich hörte Klagen über die Rückständigkeit der naturwissenschaftlichen Forschung in der Bundesrepublik und über das Berufungsverfahren.