Von Hansjakob Stehle

Er ist kein leutseliger, jovialer „Arbeiterführer“. Es fehlt ihm die demagogische wie die rednerische Begabung und auch der herrische Stolz von Diktatoren. Wladyslaw Gomulka, der mittelgroße Mann mit dem leicht gebeugten Rücken, dem hageren Asketengesicht mit der strengen Falte auf der Stirn, dem schmalen, etwas bitteren Mund und den kleinen, meist halb zusammengekniffenen Augen hinter der Brille – dieser kommunistische Parteichef ist nicht das, was man einen geselligen Menschen nennen könnte. Genossen, die mit ihm vor dem Krieg im Gefängnis saßen, berichten, daß er selbst dort, in der Gemeinschaft der Verschworenen, immer ein Einzelgänger blieb, grüblerisch, verschlossen, bescheiden, streng mit sich selbst, aber streng auch mit anderen. Ein Schullehrer könnte er sein, dem nichts mehr am Herzen liegt als brave Schüler, die das Klassenziel erreichen, der wenig Sinn für eigenes Vergnügen hat und es ebenso wenig liebt, wenn die Schüler unter den Bänken spielen.

Auch Männer, die sich als seine Freunde bezeichnen können, haben es oft nicht leicht mit ihm. Manchen schon hat das Diktatorische seines Wesens verletzt, aber seine Ehrlichkeit, die sogar seine Gegner nicht bezweifeln, das eigentlich Arglose seines Wesens, verschafft ihm immer wieder auch Achtung, sogar Zuneigung. Nicht nur im Volk, auch bei den Mitarbeitern, die unter dem patriarchalischen Regiment dieses Praeceptor Poloniae oft ächzen.

Der Mann, dem seit je ein tiefes Mißtrauen gegen die Intellektuellen eigen war, kann intelligent genannt werden; er besitzt solides Wissen und viel gesunden Menschenverstand, doch ist er ohne ideellen Höhenflug, auch ohne die Phantasie, die Beweglichkeit und die Bauernschläue seines Freundes Chruschtschow. So fern ihm ideologische Finessen liegen, so sehr kann er im praktischen Bereich taktieren. Im Prinzipiellen freilich ist er unelastisch, eigensinnig, aber auch beharrlich, unbestechlich. Aus dieser Eigenschaft – und nicht aus irgendwelchen tiefschürfenden Überlegungen – entspringt all das, was man ihm zeitweilig als „Ketzerei“ zuschrieb und was die Eigenart des polnischen Modells von Kommunismus ausmacht. Vor allem die nationale Attitüde, zu der auch das Verständnis für die Zählebigkeit des privaten Bauerntums und des Katholizismus in Polen gehört.

Das Rampenlicht der Öffentlichkeit scheut Gomulka. Er ist der einzige Parteichef des Ostblocks, der kein Regierungsamt innehat und sich mit einem Sitz im sechzehnköpfigen Staatsrat begnügt. Repräsentation, Empfänge, Bankette sind ihm dadurch erspart; nur wenn fremde Parteichefs in Warschau zu Gast sind, tritt er in seinem alten schwarzen Anzug auf. Von den zahlreichen Orden, die ihm verliehen wurden, trägt er niemals einen. Nur sehr selten geht er unter das Volk, lediglich am ersten Mai sehen ihn die Leute müde lächelnd auf der Tribüne stehen. Bittbriefe, die ihm manche hinaufreichen, gibt er mit einer leicht resignierten, bedauernden Handbewegung seinem Sekretär.

Der Mann, der sich jeden Tag zehn Stunden in sein Büro vergräbt, Berichte studiert, Direktiven erläßt und – überwiegend – „einsame Entschlüsse“ faßt, kennt nur ein sehr bescheidenes Privatleben. Er lebt in einer Zweizimmerwohnung im Stadtteil Saska Kepa. Seine kleine, schwarzhaarige Frau leitete bis 1948 die Kaderabteilung des Zentralkomitees; jetzt ist sie nur noch Hausfrau und moralkritische Betrachterin des Fernsehens. Wenn sie Einkäufe macht, sieht man sie bisweilen in einer Schlange stehen, manchmal zieht sie auch den Privatlager an der Ecke vor... Im gleichen Haus wohnt Gomulkas Sohn Ryszard, der unter einem anderen Namen – man will nicht auffallen – als Ingenieur in einer Metallfirma arbeitet (1961 besuchte er die USA).

Einen Schlüssel zu Gomulkas Persönlichkeit und Politik bildet seine Lebensgeschichte. Im galizischen Erdölrevier, in Bialobrzegi, einer Vorstadt von Krosno, wurde er. am 6. Februar 1905 geboren – zwei Wochen nach dem Petersburger Blutsonntag, in den Tagen der großen Streikwelle, die das russische Imperium erschütterte und im österreichischen Teil Polens, in dem Krosno lag, nachwirkte.