Von Bodo Harenberg

Der deutsche Radprofi Rudi Altig hat in diesem Jahre bereits das Rennen, Genua–Nizza gewonnen. Er will jetzt auch bei der Acht-Etappen-Fahrt Paris–Nizza gegen den Belgier Rik van Looy und den Franzosen Anquetil den Sieg davontragen

Wo er ist, ist er zu Hause. Die Kölner sagen Rudi, wie sie Millowitsch nur Willy nennen, und die Franzosen haben ihn Rüdie Altick getauft. Er ist ihrer aller Held, weshalb ihn die deutschen Sportjournalisten auch zum zweitbesten „Sportler des Jahres“ hinter dem Schwimmer Gerhard Hetz gewählt haben.

Psychologen müßten heran, sollte der Grund für Altigs Popularität gefunden werden. Wahrscheinlich hätte Deutschlands erfolgreichster Rennfahrer „aller Zeiten“ – er gewann drei Weltmeisterschaften, die Spanienrundfahrt, die Tour de France nach Punkten, zahlreiche Straßen- und Sechstagerennen – auch Erfolg als Vertreter für Kosmetika, oder er könnte an der Sonnenküste Tennis lehren, vielleicht aber auch Schlager singen. Doch er hat den Radsport als Metier gewählt. Gott sei Dank, sagen manche.

Ohne Altig nämlich müßte der deutsche Radsport ganz aus der Retorte leben, er müßte Ware feilbieten, die gar nicht mehr im Handel ist. Mit dem Elektroinstallateur Rudi Altig aber hat die Jagd auf zwei Rädern wieder Eingang in den „Salon des Sports“ gefunden, dessen Mittelpunkt er war zur Zeit Thadeus Robls, Walter Rütts, Willy Arends, Erich Möllers, Walter Lohmanns.

Nicht der Erfolg allein hat Altigs Aufschwung ausgemacht. Schon 1959 in Amsterdam, als er-Minuten vor Mitternacht des 11. August nach 3500 Metern – ein Reifenschaden hatte die Distanz verkürzt – den hoch favorisierten Mario Valotto mit mehreren Sekunden Vorsprung schlug, rieben Journalisten ihre Hände. Altig hatte ihnen nicht nur den Sieg und die Auferstehung des deutschen Radsports, sondern auch das Drumherum geliefert. Er hatte kopfgestanden.

Mit dem Yoga-Kopfstand begann Altigs Karriere als Radgenie. Er erlangte, so glauben viele, in dieser entgegensetzten Normalhaltung eine derartige Konzentration, daß er seine Gegner schon vor dem Start um Längen schlug. Valotto, den Gegner um Mitternacht in Amsterdam, faßte er bei der Proberunde auf die Schulter und sagte mit Mannheimer Akzent: „Ich mag dich leide, schad, daß mer gegeneinanner fahre müsse.“