Von Theo Löbsack

Polizeibeamte und Ärzte machen seit einigen Jahren alarmierende Beobachtungen, die beim ersten Augenschein rätselhaft erscheinen: Menschen verursachen Verkehrsunfälle, ohne davon zu wissen. In den meisten Fällen stellt sich dann heraus: Es sind Menschen, die nicht Herr ihrer selbst sind – weil sie unter den Nachwirkungen von Drogen, Kürznarkosen oder der Kombination von Droge plus Alkohol stehen. Es ist das gefürchtete hang over, ein rauschähnlicher Zustand, der zu Verkehrsuntüchtigkeit und nicht selten zu Verkehrsdelikten mit umstrittener Schuldfrage führt.

Der Hamburger Gerichtsmediziner E. Osterhaus schildert folgende Fälle:

Fine junge Frau fährt mit ihrem Auto zum Arzt, um sich in Hexobarbital-Narkose einem gynäkologischem Eingriff zu unterziehen. Anschließend bleibt sie noch eine halbe Stunde auf einer Couch liegen. Sie verläßt dann die Praxis, nachdem sie dem Arzt versichert hatte, sie fühle sich wohl. Als sie vor dem Haus ihren Wagen wendet, verursacht sie einen Verkehrsunfall. Sachschaden: etwa 1000 Mark. Sie kümmert sich aber nicht um den Geschädigten, sondern fährt nach Hause und legt sich schlafen. Zwei Stunden später klopfen Polizisten bei ihr an. Doch die Frau erklärt, sie habe von dem Unfall nichts bemerkt Allerdings, fügt sie hinzu, wohne ihr Arzt in der Nähe, der habe sie gerade in Narkose operiert. Eine Urinprobe ergab Spuren des Hexobartitals, der Sachverständige räumte ihr zur Entlastung den Paragraphen 51 ein. Die Frau blieb straffrei, weil sie von den Nachwirkungen der Narkose nichts gewußt hatte.

Im zweiten Fall beobachten Polizisten ein Auto, das in Schlangenlinie fährt. Sie vermuten einen Betrunkenen, stellen den Wagen Und sind überrascht, daß der Fahrer keinen Alkohol getrunken hat. Der Mann am Steuer wiederum wundert sich, daß er nicht ordentlich gefahren sei. Schließlich meint er, es käme vielleicht von einer Spritze, die er wegen starker Schmerzen soeben von seinem Arzt bekommen habe. Bei der Infektion handelte es sich um eine Ampulle Levorphanol. Der Mann blieb straffrei, weil der Arzt ihn nicht auf die Nachwirkungen des Medikaments hingewiesen hatte.

Gefahr droht auch von der Kombination von Drogen mit schon relativ geringen Mengen Alkohols. Die Routine-Maßnahme der Polizei ist die Blutprobe, wenn sie jemanden der Fahruntüchtigkeit überführen will. Wie fragwürdig die Blutprobe sein kann, geht aus einer Untersuchung des Münchner Narkose-Spezialisten A. Doenicke hervor. Doenicke machte mit 52 freiwilligen Versuchspersonen folgendes Experiment:

Die meist jungen Leute – Studenten – nahmen je 200 Milligramm des Narkosemittels Butabarbital ein. Nach sechs Stunden tranken sie im Lauf von etwa zwanzig Minuten je einen halben Liter Bier (Gehalt: 11,5 bis 12,0 Prozent Stammwürze, 17 bis 19 Gramm Äthylalkohol). Verschiedene Tests – Gehen auf weißem Strich, Zeigefinger-Nasenversuch, Zahlenschreiben nach Zeit – gaben über den Zustand der Teilnehmer Auskunft. Ergebnis: Nach sechs Stunden waren bei den meisten noch Butabarbital-Spuren im Blut nachweisbar, fast alle fühlten sich trotz der geringen Biermenge verkehrsuntüchtig.